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Buchbesprechungen
Protokolle
und Kommentare von
Tilmann Moser
& Albert Pesso (Klett-Cotta,
Stuttgart 1991, 170 S., DM 38) Die
Grundhypothese der Pesso-Therapie ist, daß der Körper die Engramme unabgeschlossener
früherer Szenen speichert, deren affektiver Gehalt oft nicht bewußt
ist. Die vitale libidinöse oder aggressive Energie mit ihren vielfältigen
Impulsen drängt den Patienten zum Handeln in Richtung der früheren Objekte.
Sie ist jedoch zugleich umgeben, behindert oder eingeschnürt von den
vielfältigen Abwehrkräften. Viele Handlungs- und Ausdrucksimpulse gelangen
nicht an ihr natürliches Ziel, die Energie des Kindes im Patienten hat
oft noch nicht einmal die Möglichkeit des Handelns oder Sprechens gefunden,
weil sie abgewiesen, fehlinterpretiert, unterbunden oder negativ sanktioniert
wurde oder weil der damit verbundene Affekt nicht gefühlt oder ausgedrückt
werden durfte. Viele glauben, kein Anrecht zu haben auf den eigenen
Ausdruck bestimmter Gefühle, Stimmungen, Ansprüche, Wünsche oder auch
nur den Ausdruck des Lebendigseins, weil lebendig sein für eine wichtige
frühe Bezugsperson eine Gefahr darstellte. Wesentlich
ist, daß der Patient im Verlauf der Sitzung in der Regression, inmitten
seines wiedererlebten Schmerzes, inmitten von Wut, Trauer, Verzweifelung
usw. eine neue, von der ursprünglichen Erfahrung abweichende, gute Erfahrung
macht, die zum Kristallisationskern eines neuen Selbstgefühls werden
und zu einer neuen inneren „Landkarte“ möglicher guter Erwartungen führen
soll. Alle Strukturen sollen diese alternative, gute Erfahrung enthalten,
als Anreiz zur Veränderung, zu Wachstum und Ermutigung. Tilman Moser, Psychoanalytiker und vor
allem durch seine Psychoanalysekritik bekannt gewordener Buchautor,
legt nun nach seiner 5-jährigen Ausbildung bei dem amerikanischen Körperpsychotherapeuten
Albert Pesso gemeinsam
mit diesem ein im Untertitel „Protokolle und Kommentare“ genanntes 170seitiges
Werk vor, das sicherlich als weiterer Grundstein im Gebäude der sich
immer deutlicher etablierenden Körperpsychotherapie darstellt. Moser,
der als eigentlicher Verfasser dieses Buches gelten kann, nennt Pesso
eine „Brücke zwischen der hochelaborierten entwicklungspsychologischen
Theorie der Psychoanalyse und dem oft chaotischen Reichtum der unübersichtlich
wuchernden Körpertherapien“. Anstelle
einer einführenden Darstellung von Pesso's Arbeit bot sich ihm der Versuch
an, eine Reihe von therapeutischen Sitzungen auf Video aufzunehmen und
dann exemplarisch erscheinende Verläufe auszuwählen, zu transskribieren
(einschl. der körpersprachlichen Beobachtungen) und zu kommentieren. Pesso
selbst besitzt eine umfangreiche Videothek von thera-peutischen Sitzungen,
die er Therapeuten und Ausbildungsteil-nehmern in seinem Zentrum bei
Franklin (Mass./USA) zur Verfügung stellt. Die Nutzung von Videoaufnahmen
bildet auch ein Kernstück seiner Ausbildung. Aber auch die Patienten
können sich die Bänder, wenn sie es wünschen, noch einmal ansehen und
dabei die therapeutische Erfahrung rekapitulieren, vertiefen und sich
aneignen. Viele Patienten sehen sich ihre Bänder wiederholte Male an.
Durch das allmähliche Zusammensetzen des in der Sitzung Erlebten mit
seiner optischen und akustischen Form gewinnt dieses dann eine ganz
neue Evidenz. Pesso
selbst machte, während er noch als Leiter einer Schule für freien Tanz
arbeitete, eine psychoanalytische Therapie, die ihn auf's Tiefste enttäuschte
und verletzte. Das führte in seinen Anfängen gelegentlich zu bitteren
Kommentaren gegen eine von ihm verkürzt dargestellte Psychoanalyse.
Später arbeitete er mehrere Jahre als Körpertherapeut in einer psychoanalytisch
orientierten Klinik, wo er Gelegenheit hatte, mit den Therapeuten viel
über die Frage zu diskutieren, welche Faktoren in einer Therapie heilend
wirken. Die
Tatsache, daß in den letzten Jahren die meisten Teilnehmer seiner Ausbildungsgruppen
Analytiker oder analytisch orientierte Therapeuten sind, hat zu einer
Wiederannäherung an einige grundlegende psychoanalytische Konzepte geführt:
er räumt dem verantwortlichen Ich des Patienten heute viel mehr Verantwortung
ein, dessen Funktionsfähigkeit er auch während der Struktur (Sitzung)
ständig beachtet und zu stärken versucht. Der
Stellenwert der Pesso-Therapie (gelegentlich auch „psychomotorische
Therapie“ genannt) innerhalb der Therapieszene allgemein, ist im Augenblick
noch schwer zu bestimmen. Vertreter der anderen dramatisierenden Therapieschulen werden Elemente erkennen, die mit ihren eigenen Verfahrensweisen
zumindest verwandt sind. Pesso ist deshalb gelegentlich auch schon als
„begabter Eklektiker“ abgewertet worden. Man wird ihm damit jedoch nicht
gerecht. Moser: „Die Pesso-Therapie ist eine dramatisierende
Form der Psychoanalyse, insofern die inneren Repräsentanzen sich hier
nicht in der Übertragungsbeziehung entfalten, sondern in möglichst präzise
gestalteten Szenen, in denen die frühen bedeutsamen Figuren oder (Teil-) Introjekte präsent gemacht werden.
Allerdings wird hier, im Unterschied zur Psychoanalyse, das frühe Szenario
um zwei wesentliche Elemente bereichert: Die idealen Eltern, die ein
ganz neues Konstrukt darstellen, sowie die von den frühen Erinnerungsspuren
an die realen Eltern abstrahierten „negativen Eltern“, die also das
traumatisierende Konzentrat der realen Eltern darstellen. Pesso kann
mithin als Antipode der Psychoanalyse gelten, jedoch nicht in Gegnerschaft,
sondern im Sinne eines Verhältnisses zweier komplementärer therapeutischer
Verfahrensweisen, denn Pesso arbeitet, so Moser, „mit einem anderen
Aggregatzustand“ und auf einem anderen energetischen Niveau. Voraussetzung
seiner Arbeit ist die präzise Beobachtung des körpersprachlichen Ausdrucks
seiner Patienten, wie auch die sichere Einschätzung seiner jeweiligen
Regressionsstufe. Es ist daher kein Zufall, daß der größte Teil von
Pesso's Schülern, zumindest in Europa, aus Analytikern und analytisch
orientierten Therapeuten besteht. Für Moser ist die Pesso-Therapie „in
ganz besonderem Maße“ als Ergänzungstherapie zu tiefenpsychologisch
orientierten Therapien geeignet. Das
Buch erläutert an sieben Fallbeispielen mit je einem Kommentar von Pesso
und einem psychoanalytisch orientierten Kommentar von Moser eine mögliche
Verbindung, Überlappung, aber auch die unterschiedlichen Perspektiven
der beiden Herangehensweisen. Eine lohnenswerte Lektüre, gleichermaßen
für Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeuten. |