Energie & Charakter, Zeitschr. f. Biosynthese u. Somatische Psychotherapie, hrsg. v. David Boadella & Bernhard Maul, Bd.8, Berlin 1993

GÄRUNG UND KLÄRUNG

IV.Kongress der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie
von Bernhard Maul, Berlin

Straßburg (Frankreich). "Wissenschaft und Liebe" hieß das offizielle Thema des IV.Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie vom 14.-17.Sept.1993, "Gärung und Klärung" das allenthalben spürbare inoffizielle Thema, das schon während des auch Nicht-Mitgliedern zugänglichen Kongreßteiles, dann aber erst recht während des den Mitgliedern vorbehaltenen Vollversammlungstages hohe und teilweise äußerst turbulente Wellen schlug.

Deutlich wurde, daß in allen nationalen Komitees und auch im neuen Vorstand eine Dezentralisierung der EABP und eine im Gegensatz zum alten Europa-Vorstand verfolgte nun wesentlich unterstützendere Politik der nationalen Gremien gewünscht wird.

Dies zeigt sich bereits an den Aktivitäten des neuen Vorstandes der Deutschen Sektion, der aus Thomas Tepfer, Mischka Solonevich, Thea Mertz und Adrian Pouwels (alle Raum München) besteht. In einem geplanten Mitgliederbrief (vorformuliert von Solonevich & Tepfer) heißt es: "Bestrebungen zu eigenständiger konstruktiver Arbeit als gleichwohl Mitglied der EABP gab es ja in nahezu allen nationalen Gremien seit Lindau 1991. Nach zweijähriger - teilweise schmerzhafter - Gärungszeit, fand sich hierzu nunmehr also ein Konsens. Frühere Einwände, die hauptsächlich eine Gefahr der Zersplitterung ansprachen, noch bevor die EABP als Ganzes eine Identität gefunden hätte, behalten ihre Gültigkeit und müssen von den nationalen Gremien nach wie vor ernst genommen werden. Da aber in den letzten Jahren durch die intensive Arbeit der vorigen Gremien und Vorstände klar wurde, daß eine effektive nationale Arbeit - etwa in Bezug auf Anerkennung der Körperpsychotherapie - auch klarer juristischer und vereinsrechtlicher Regelungen bedarf, ist die Entscheidung zur Gründung der Nationalen Sektionen nun gefallen."

Somit scheint der neue Vorstand der deutschen Sektion Vorschlägen der Mehrheit des alten Vorstandes zu folgen, die diese bereits vor zwei Jahren ausführlich dargelegt hatte, die sich aber wegen der damals leider noch allzu ängstlichen Politik des Europa-Vorstandes nicht durchsetzen konnten. Der alte Vorstand bestehend aus Traudel Anders-Hoepgen, Ingrid Kramer, Ruppert Lorusso, Manfred Thielen und Bernhard Maul wurde einstimmig entlastet und stellte sich nicht mehr zur Wiederwahl.

Der neue Vorstand der deutschen Sektion wurde von der ordentlichen Mitgliederversammlung einstimmig beauftragt, innerhalb von zehn Monaten alle deutschen Mitglieder zu einer konstituierenden Versammlung einzuberufen. Das europäische Vorstandsmitglied Matthew Speyer und Uli Fleck (Kongreß-Koordinator) haben bereits angeboten, ein ansprechendes Rahmenprogramm zu organisieren. Bereits zu Beginn also ein gutes Omen für eine fruchtbare und gleichberechtigte <ENDE>

Zusammenarbeit zwischen dem neuen europäischen Vorstand und den nationalen Sektionen.

Denn: es gab und gibt etliches zu diskutieren und das konnte und kann nicht dem Europa-Vorstand und einigen Komitees überlassen bleiben, die alle zwei Jahre während des Vollversammlungstages jeweils 15 Minuten über ihre Erkenntnisse berichten, über die dann abgestimmt werden darf. Das führt letztlich zu Ämtermißbrauch, Mißverständnissen, einer Verschwendung von Mitgliedsbeiträgen für horrende Flug- und Hotelkosten und einem allgemeinen Unmut, der in Straßburg von allen Seiten deutlich zu hören und zu spüren war. Die Mitglieder haben auf der VV unmißverständlich deutlich gemacht, daß sie einen breiten Gedankenaustausch auf nationaler und lokaler Basis brauchen und wollen (was keineswegs dem europäischen Gedanken widerspricht, sondern geradezu die Voraussetzung für ihn ist). Das läßt man entweder einfach so entstehen und laufen, wie es die Gegner der EABP (z.B. rund um den "Ströme-Rundbrief" von Knapp-Diederichs, oder den "Skan-Reader" rund um Loil Neidhöfer wollen) oder man schafft vernünftige demokratische Strukturen, die viel Eigeninitiative erlauben und vor allen Dingen die Initiativen finanziell und moralisch unterstützen. Die EABP-Europa hat die Aufgabe anzuregen, zu koordinieren und zu unterstützen. Sie hat nicht die Aufgabe und auch nicht das Recht, hemmend zu kontrollieren und zu reglementieren und sich in "globalen Aktivitäten" zu isolieren.

Unter Punkt 6.6.6. der Tagesordnung für die Vollversammlung in Straßburg hieß es z.B. "Das Board soll Richtlinien für die Kooperation zwischen der EABP und ihren nationalen Organisationen aufstellen und diese Richtlinien der nächsten Vollversammlung 1995 vorlegen". Nötig ist hingegen, diese Richtlinien mit den nationalen Organisationen zu diskutieren, was während der VV in Straßburg in einem allgemeinen Plädoyer der Mitglieder für größere Eigenständigkeit bestätigt wurde. Oder im Sekretariatsbericht hieß es z.B. "zukunftsweisend": "Wenn die Aktivitäten der Komitees nun auch lobbying and politics erreichen (z.B. Beeinflussung nationaler Regierungen; Rehabilitation von Wilhelm Reich; Reisen über den Ozean zwecks globaler Initiativen)..." müssen die Mitgliedsbeiträge bis zu dreimal so hoch werden. Jet-Set über die Ozeane zwecks globaler Initiativen. Diesen Bestrebungen haben die Mitglieder, solange das eigene Haus noch nicht bestellt ist, eine eindeutige Absage erteilt.

Ein weiterer Kritikpunkt waren die Kongreßgebühren. Sollen die europäischen Kongresse weiterhin derart verteuert werden, daß nur noch die gutverdienenden Therapeuten teilnehmen können, oder sollen sie ein Treffpunkt aller Kollegen werden? Runde 800,- DM Kongreßgebühren (inkl. zweier "Parties", die aber zum Kennenlernen wichtig sind) schrecken viele Kollegen, viele therapeutisch Tätige aus anderen Gebieten und vor allen Dingen die Auszubildenden ab. Andere große Kongresse (Lindauer Psychotherapiewochen, Somatotherapiekongresse z.B. in Straßburg oder Erlangen usw.) sind 30 - 40% billiger, aber deswegen keineswegs schlechter. Feudale Fleisch-Buffets in First-Class-Hotels sollten nicht zum Stil der Körperpsychotherapie werden, ebensowenig wie Kongreßzentren, die angeblich  über 150.000 DM Miete kosten. Es sei denn, dies ist immer noch der heroische Ego-Trip, den Katherine Brown bezüglich des zweiten Kongresses der EABP in Seefeld 1989 festmachte. Ein Ideal, so sagte sie, das uns immer weiter hinaus in die Außenwelt führt..." in die europäische Politik?; in globale Initiativen? Finden wir uns bald wieder als europäische Vertreter einer europäischen Körperpsychotherapie in den heiligen Vorhallen des europäischen Parlamentes oder leisten wir Arbeit an der Basis und für die Basis?!

Die Veranstaltung eines Kongresses mit Vorträgen und Workshops darf nicht verwechselt werden mit der Arbeit eines sich entwickelnden Fachverbandes. Die Veranstaltung von Kongressen kann überwiegend von einem Planungsbüro erledigt werden. Der Fachverband braucht Zeit, viel mehr Zeit, als ihm bisher auf den Kongressen eingeräumt wurde.

Zwei Drittel der 330 Teilnehmer dieses Kongresses waren Nicht-Mitglieder (auf dem III.Kongreß in Lindau 1991 waren es nur ein Drittel). Das weist, wie sich auch an einer teilweise öffentlichen außerordentlichen Mitgliederversammlung der deutschen Sektion ablesen läßt, darauf hin, daß viele gekommen waren, um zu entscheiden, ob sie bei diesem "Verein" mitmachen wollen oder nicht. "Die europäische Gesellschaft für Körperpsychotherapie? Was habe ich davon?" Im Moment bietet sie außer einem Kongreß alle zwei Jahre tatsächlich noch nicht so ganz Faßbares an, außer der vagen Antwort: "Verantwortlichkeit für die Zukunft".

Die Mitglieder sind jedoch aufgerufen sich am Aufbau einer Gemeinschaft der Körperpsychotherapie zu beteiligen. Es geht um die Teilnahme an der Verkörperung und Materialisierung der Vision eines intensiven Austauschs und einer intensiven Unterstützung, anstatt von Distanz und Mißtrauen zwischen den verschiedenen Richtungen unseres Arbeitsbereichs. Es geht um die manchmal frustierende, ja sogar manchmal sehr frustrierende, aber auch lohnende Aufgabe der Bildung einer gesunden und lebensfähigen "Zunft".

Natürlich kann sich nun jeder zurücksetzen und beobachten, ob das Ergebnis in sechs oder acht Jahren gefällt. Es ist immer möglich zu warten. Es ist jedoch nicht immer möglich, die frühen Ideale, Richtungen und das Funktionieren einer europäischen Gesellschaft zu beeinflussen.

Jene, die bereits aktiv an diesem Prozeß teilnehmen, haben nicht nur am Wachsen der Organisation teilgenommen, sondern auch individuelle und gemeinschaftliche Fehler gemacht, sie korrigiert und sie erwarten, daß noch einige gemacht werden, während sie voranschreiten.

Ein Teil dessen, was wir anzuregen hoffen, ist ein weites und fruchtbares Feld lokaler Gruppen, Workshops und Kongressen über Themen, die uns angehen: wissenschaftliche, interpersonelle, soziale, sexuelle, ethische, forschungsorientierte Themen und was auch immer Objekt und Ziel der EABP sein mag.

Die allgemeine und sich schnell entwickelnde Tendenz geht in den europäischen Ländern dahin, die Psychotherapie gesetzlich zu regeln (wo dies nicht bereits geschehen ist). Um die gesetzgebenden Kräfte der europäischen Gemeinschaft jedoch zu beeinflussen, brauchen wir mehr Mitglieder und eine erfahrene Leitung.

In Seefeld beschloß man, daß die Gesellschaft einen Vorstand mit 7 Mitgliedern haben soll, der in den beiden Jahren zwischen zwei Kongressen amtiert und der auch wiedergewählt werden kann. Nach der Entlastung des alten Vorstandes mit David Boadella, Björn Blumenthal, Marianne Bentzen, Yvonne Maurer, Matthew Speyer und Alison Duguid (Kassierer Hans Krens wurde wegen fehlender Jahresberichte nicht entlastet und trat aus der EABP aus), wurde während der Hauptversammlung in Straßburg folgende Mitglieder für die nächsten beiden Jahre in den Europa-Vorstand gewählt:

Präsidentin: Alison Duguid, B.A. (Florenz, Italien);

Vizepräsident: Björn Blumenthal, Ph.D. (Oslo, Norwegen).

Für die Bereiche Schatzmeister, Sekretariat, Ethik-Sekretariat, Auswahlkomitee, Publikations-Sekretariat und Kongreßvorbereitung stehen zur Verfügung: Matthew Speyer, M.A. (Göttingen, Deutschland), Gordon Harris (Norwegen), Michel Meignant (Frankreich), Guiseppe Garofalo (Italien) und Richard Blamauer (Deutschland). Der "täglich tagende Vorstand" wird wahrscheinlich wieder aus der Präsidentin, dem Schatzmeister und dem Kongreß-Sekretär bestehen. Sekretariat und Finanzbereich sollen in professionelle Hände gelegt werden, da die ehrenamtliche Bewältigung dieser umfangreichen Aufgaben einfach nicht mehr zu leisten ist. Damit hat man ja bereits bei der Kongreßorganisation gute Erfahrungen gemacht.

Im weiteren wurden die Tätigkeitsberichte der einzelnen EABP-Komitees bestätigt und die Vorstände entlastet, mit Ausnahme des Sekretariats und Finanzkomitees, da die Berichte unvollständig waren, bzw. nicht vorlagen. Der Mitgliedsbeitrag wurde um 100% auf SFr. 250,- heraufgesetzt, eine heftige diskutierte Entscheidung, die die Arbeitsfähigkeit der Gesellschaft erhalten soll. Die nationalen Komitees haben Anspruch auf 20% der Beiträge ihrer nationalen Mitglieder. Dieser noch vom alten Europa-Vorstand festgelegte und aus Turbulenzgründen auf dem Straßburger Kongreß nicht neu diskutierte Prozentsatz reicht für eine effektive Arbeit der nationalen Komitees bei weitem nicht aus, da er großenteils bereits durch laufende Kosten (Organisation) aufgefressen wird.

Mit viel Beifall wurde das scheidende Ethik-Komitee, bestehend aus Marianne Bentzen, Bettina Schroeter, Christiane Lewin-Gros, Pierre Pecout, Stefan Weise und Ernst Zedler entlastet, das in den letzten beiden Jahren über zwei die EABP fast spaltende schwerwiegende Fälle zu beraten und sich der Lösung dieser Aufgabe intensiv gewidmet hatte. Das neue Ethik-Komitee besteht aus Michael Heller (Schweiz), Marianne Ingenhousz (Niederlande), Robbert Verschuur (Niederlande), Courtenay Young (Großbritannien) und Joachim Vieregge (Deutschland).

Der Ethik-Kodex stellt ab jetzt nicht mehr nur eine Empfehlung für die Mitglieder dar, sondern ist verpflichtend und kann bei Nichteinhaltung Sanktionen nach sich ziehen, die von zeitweiliger Suspendierung von der Mitgliedschaft über die Verordnung von Supervision inklusive Gutachten des Supervisors bis zum Ausschluß führen können.

Die Körperpsychotherapie hat eine 60-jährige Geschichte, die in dem Artikel "Die somatische Therapie: Ihre Wurzeln und Traditionen" in "Energie & Charakter" (Bd.1, Berlin 1990) dargestellt wurde.

Die Idee einer europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie wurde zum erstenmal auf dem I.Europäischen Kongreß für Körperpsychotherapie, organisiert von Dr.Jacob Stattman, Dr.Malcolm Brown und Björn Blumenthal in Davos, Schweiz, im September 1987, diskutiert. Die Gesellschaft gründete sich offiziell im Dezember 1988 (ihre Statuten sind unter Sektion 60 des Schweizerischen Gesetzbuches registriert).

Die Offiziellen der Gesellschaft wurden durch ein demokratisches Votum während des II.Europäischen Kongresses für Körperpsychotherapie in Seefeld (Österreich) im September 1989 und darauffolgend während des III.Kongresses in Lindau (Deutschland) im September 1991 und jetzt auch in Straßburg gewählt. Die Gesellschaft wurde wegen folgender Zielsetzungen gegründet:

a.       um den Dialog und den Austausch von Informationen zwischen den Mitgliedern anzuregen, mit dem Ziel, ihre intellektuelle, wissenschaftliche, kreative und spezielle Theorie und Praxis in ähnlicher Weise, wie es bereits in anderen Bereichen der Psychotherapie geschieht, zu fördern;

b.       um die Theorie bekannt zu machen, daß die Körperpsychotherapie (so wie sie in Europa praktiziert wird), eines eigenständigen Verständnisses (das die besondere und einzigartigen europäischen Kultur und Gesellschaft in Betracht zieht) und einer entsprechenden Einschätzung bedarf;

c.       um ihren Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, die Gesellschaft als unterstützenden Rahmen und unterstützende Struktur (Austausch von Information und Erfahrung) in Anspruch zu nehmen;

d.       um vielerlei Aktivitäten zu entwickeln und zu unterstützen, wie z.B. die Organisation von Kongressen, Workshops und anderen Treffen, sowie die Herausgabe einer Berufszeitschrift und das Zusammenstellen und Sammeln von unseren Bereich betreffenden Publikationen;

e.       um die offizielle Anerkennung der Körperpsychotherapie in ihrer besonderen Form in den verschiedenen europäischen Ländern zu erreichen.

Während der der Hauptversammlung vorausgehenden vier Tagen bot der Kongreß eine Kombination aus Plenumsvorträgen, Gruppendiskussionen und eine breite Auswahl an Workshops, Video-Vorträgen, Demonstrationen und Vorträgen in Kleingruppen an. Auch hier gab es wie immer Licht und Schatten. Leider wird es diesmal nicht wie über Lindau einen Kongreßband mit allen Vorträgen geben. Der auf private Initiative hin publizierte Band "Körperpsychotherapie oder die Kunst der Begegnung - Lindau 1991" (es gab eine englische und eine separate deutsche Ausgabe) erwies sich leider als finanzieller Flop. "Energie & Charakter" wird sich jedoch in den nächsten Ausgaben bemühen, die besten Vorträge in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen. Wir beginnen mit denen von David Boadella, Marianne Bentzen und Michel Heller. Viel Spaß beim Lesen.