KÖRPERPSYCHOTHERAPIE ZWISCHEN LUST- UND REALITÄTSPRINZIP

Der Kongreß für Integrative Biodynamik in Berlin

Ein Bericht von Bernhard Maul, Berlin

(erschienen in Energie & Charakter, Zeitschrift für Biosynthese & Somatische Psychotherapie,  hrsg. von David Boadella & Bernhard Maul, Bd.6, Berlin Dezember 1992)

Pfingsten 1992: Phantastisches Wetter, ein spannendes Thema und ein Ort, an dem sichs leben läßt, die UFA-Fabrik in Berlin, einem der wenigen städtischen Oasen. Dazu 160 Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, gutes Essen, Tanz in den Morgen und ein Spontanauftritt der UFA-eigenen Trommlergruppe "terra brasilis". Was will man mehr von einem Kongreß, der mit Tilman Moser und Georg Downing auch noch zwei international geschätzte Fachleute anbot, die für ihre schulen- und richtungsübergreifende Kompetenz bekannt sind.

Der vom Verein für Integrative Biodynamik (VIB) und dem Göttinger Institut für Integrative Biodynamik (GIB) ausgerichtete Kongreß sollte, so die Ausrichter, Vertretern verschiedener körperpsychotherapeutischer Schulen und Arbeitsfeldern Gelegenheit zum Austausch geben. Dies war ja auch eines der Gründungsanliegen des VIB vor drei Jahren: Forum zu sein für kollegialen Austausch und die vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Das GIB seinerseits blickt auf eine etwa 12jährige Ausbildungstätigkeit zurück, seit 1986 unter diesem Namen.

In seinem Einführungsvortrag umschrieb der Vorsitzende des VIB, Manfred Thielen, das Thema folgendermaßen: "In ihrer ursprünglich von Freud gegebenen Bedeutung heißt Lustprinzip, die Gesamtheit der psychischen Aktivität mit dem Ziel, Unlust zu vermeiden und Lust zu verschaffen, Lust im Sinne von physiologischer Spannungsreduktion.

Das Realitätsprinzip überprüft die realen Befriedigungsmöglichkeiten in der Umwelt und kann, wenn die Umweltnotwendigkeiten es erfordern, zum Schutz und längerfristigen Erhalt des Lustprinzips die unmittelbare Triebbefriedigung aufschieben oder unterdrücken. Dieser freudianischen Auffassung folgte im Prinzip auch Reich. Lust und Realitätsprinzip sind m.E. dialektisch miteinander verbunden, d.h. sie können nicht unabhängig voneinander existieren, sondern sie bedingen sich wechselseitig. Sie bilden sowohl eine Einheit, z.B. dient das Realitätsprinzip dem Schutz des Lustprinzips, als auch ein Widerspruchsverhältnis, das Lustprinuzip drängt auf unmittelbare Triebbefriedigung, während das Realitätsprinzip diese u.U. gerade verhindert.

Für Gerda Boyesen scheint es kein Realitäts- sondern nur ein Lustprinzip zu geben. Der Libidofluß scheint allein von der vegetativen, psychischen und spirituellen Durchlässigkeit des Einzelnen abhängig und Realität scheint nur ein subjektiv, jederzeit veränderbares Imago zu sein. Doch nach meiner Erfahrung und der vieler Biodynamikerfahrener Freunde, Freundinnen und Bekannten, die alle den Libidofluß öfter - aber immer nur phasenweise - erlebt haben, lösen sich damit nicht automatisch die Realitätskonflikte, z.B. Beziehungskonflikte.

Gerda hingegen ist der Meinung: `Als Quintessenz können wir die Behauptung aufstellen, daß die vegetativen Ströme immer die Wahrheit sagen. Und wir kommen zu dem erstaunlichen Schluß, daß die Wahrheit eines Lebewesens der Tiefe seines Körpers, seines Soma entspringt'.

Diese Behauptung ist m.E. fraglich. Sicherlich ist die vegetative Wahrheit wichtig und unbedingt ernst zu nehmen, sonst kommmt es z.B. zu psychosomatischen Symptomen, doch ebenso muß die kognitive Wahrheit ernstgenommen werden, um zu adäquaten Entscheidungen kommen zu können. Z.B. habe ich, wenn ich mich vegetativ in Fluß fühle, häufig keine Lust, Realitätskonflikte wie z.B. Wohnungssuche, Fallberichte, Rechnungen schreiben, anzupacken, obwohl z.B. arbeiten notwendig ist, um mein Geld zu verdienen usw. Auch Verantwortung, ob soziale oder individuelle, zu übernehmen, die in bestimmten Lebensphasen einfach übernommen werden muß - z.B. wenn man für Kinder sorgen muß - ist oft nicht mit Lust verbunden, auch wenn sie immer wieder lustvoll sein kann, und muß trotzdem übernommen werden. Anerkennung des Realitätsprinzips, das m.E. auch in der Integrativen Biodynamik nottut, heißt allerdings nicht, die Realität so zu akzeptieren wie sie ist, sondern heißt für mich, an ihrer Humanisierung zu arbeiten, um z.B. die drohende ökologische Katastrophe zu verhindern. In Anbetracht der zunehmenden Umweltzerstörung wirkt es fast paradox, wenn man den Klienten bei der gegenwärtigen Berliner Luftqualität vorschlägt: `Vertiefe deinen Atem'. Natürlich muß dies nach wie vor getan werden, da die Atemarbeit ein wesentlicher Pfeiler einer guten Körperpsychotherapie ist und bleiben muß. Doch wird daran deutlich, daß man die Umwelt, die konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, die Realität nicht einfach aus dem Therapieraum raushalten kann - so schön es manchmal auch wäre!"

Nähe, Empathie und echte therapeutische Resonanz alleine, so Thielen,  reichten nicht für eine erfolgreiche Therapie, wie viele Biodynamiker in der ersten Euphorie gemeint hätten. Distanziertheit, kognitive Klarheit und der Umgang mit der Übertragung seien die notwendige Kehrseite der Medaille. Obwohl die Integrative Biodynamik der Bedeutung der Beziehungsarbeit großenteils gerecht werde, vernachlässige auch sie das Realitätsprinzip. Realität sei primär die gefühlte Realität im Hier-und-Jetzt, doch die gesellschaftliche und die biographische Realität komme, so Thielen, "tendenziell zu kurz."

In ähnliche Richtung zielte auch der Hauptvortrag von Tilman Moser, Psychoanalytiker und vor allem durch seine Psychoanalysekritik bekannt gewordener Buchautor (er absolvierte zudem eine 5-jährige Ausbildung bei dem amerikanischen Körperpsychotherapeuten Albert Pesso). Sein kritisch-seriöser mit teilweise leicht ironischer Wortwahl gewürzter Vortrag zum Thema: "Was sollten Körperpsychotherapeuten von der Psychoanalyse aufnehmen?", wurde von den Angesprochenen

äußerst interessiert, mit im Saal von Anfang bis Ende deutlich spürbarer Betroffenheit, häufig selbstkritischem Lachen und letztlich einer gewissen Ratlosigkeit ob der offengelegten Schwachstellen und Mißstände in unserem Arbeitsfeld beantwortet.

Mosers Kritik ist wichtig!

Sie entspricht den Zielen der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie und in großen Teilen unseren Richtlinien, an deren Erfüllung wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu arbeiten haben. Andere Teile seiner Kritik, s.These 2, sollten genau bedacht und in ganGerda Boyesenarer Form aufgenommen werden.

Mosers Kritik ist auch deshalb wichtig, weil sie uns kreative Anregungen gibt, auch wenn sie einigen schmerzlich sein mag. Schade, daß sie bisher nicht in dieser Deutlichkeit aus den eigenen Reihen gekommen ist.

Hier nun einige Auszüge aus seiner Rede.

In seiner ersten These erklärte Moser: "Wenn die Körperpsychotherapeuten nicht die psychoanalytische Krankheitslehre und fundamentale Kategorien des therapeutischen Prozesses als eines zwischenmenschlichen Vorgangs kennen und auf ihre neuen Behandlungsformen anzuwenden in der Lage sind, dann sind die Chancen öffentlicher und damit auch kassenrechtlicher Anerkennung sehr gering. Manche von ihnen könnten sagen, das macht uns nichts. Darum geht es uns nicht. Aber täuschen wir uns nicht, viele von ihnen können zwar überleben, vielleicht mit geringeren Honoraren oder als Heilpraktiker oder eben als Psychologen oder ärztliche Psychotherapeuten mit Zusatztiteln, die sich weitere Kompetenzen erwerben".

Aber darauf lasse sich keine sichere Zukunft bauen, denn noch profitierten die Körpertherapien davon, daß die Psychoanalyse im Ghetto der konkreten Körperlosigkeit verharre und viele Patienten enttäuscht bei einer Körpertherapie landeten. Dies könnte sich aber innerhalb von wenigen Jahren ändern, weil im Bereich der Psychoanalyse, momentan etwa 5 - 10 Prozent der Analytiker verstünden, daß sie sich noch anderen Verfahren öffnen sollten. Meistens laufe es so, daß sie erst mal als Patienten bei den Körpertherapeuten erschienen.

In seiner zweiten These, die auf vielen Gesprächen und Beobachtungen beruhe, erklärte Moser, daß mangels Patienten viele Absolventen einer körperpsychotherapeutischen Ausbildung direkt und unter Umgehung einer ausreichenden Zahl von Behandlungen von seelisch Kranken direkt zur Ausbildung weiterer Therapeuten übergingen. Deshalb sprießten überall die Institute aus dem Boden und würden Zertifikate feilgeboten, manchmal nach kaum dreijähriger, nebenberuflicher Ausbildungszeit. Es genüge, die letzten Seiten einer Nummer von >>Psychologie Heute<< aufzuschlagen, um das marktschreierische Gebahren vieler Richtungen zu erleben, die ihren Schülern und Adepten Hoffnungen auf eine Zukunft als Therapeut machten.

Und da die Auszubildenden relativ bald merken könnten, daß sie es bei ihren Lehrern der zweiten oder dritten Generation oft mit wenig erfahrenen, eindimensionalen

Therapeuten zu tun hätten, die ihre unbearbeitet gebliebenen Größenphantasien in die Rolle von Lehrtherapeuten und Institutsleitern unterbringen wollten, nehme die bekannte Praxis überhand. Man lasse die Schüler bei Beginn einen großen Teil der Ausbildungskosten im voraus bezahlen, um sie am Aussteigen zu hindern oder sich trotz ihres Ausstiegs finanziell zu sichern.

Moser: "Eine gewisse Verantwortungslosigkeit ist hier auch manchen bekannten Lehrern der Körpertherapie vorzuwerfen", weil sie aus Gründen der Konkurrenz und dem Willen zur raschen Ausbreitung ihrer Schule Kandidaten zur Ausbildung annähmen, die eigentlich erst einmal einige Jahre in Therapie gehen sollten, bevor sie sich erneut überlegen könnten, ob und auf welcher persönlichen und beruflichen Basis sie überhaupt Therapeut werden sollten.

Die Sache funktioniere beinahe nach dem System der Kettenbriefe. Es sei ein Wettlauf in Gang, wer wie lange noch absahnen könne, bevor der Boom ende. Der Zulauf zu den vielen und explosionsartig wuchernden Schulen komme zum Teil nur dadurch zustande, daß die verdeckten Therapiewünsche ziemlich gestörter Patienten aufgrund von Größenphantasien direkt in Ausbildungsgänge untergebracht würden. Dort könnten sie wiederum nicht bearbeitet werden, weil die Ausbildungsleiter um das Überleben ihrer Gruppe oder ihrer Schule bangten und weil sie an solche Defekte selbst therapeutisch überhaupt nicht herangeführt worden seien.

Moser: "In manchen Körperpsychotherapien kann man immer noch seine Ausbildung bestehen, ohne je eine gründliche und regelmäßige Lehrtherapie gemacht oder eine seriöse Krankheitslehre studiert zu haben."

Damit kam Moser zu These 3: "Die meisten Körperpsychotherapien werden fraktioniert gelehrt, d.h. in Wochenend- und Wochenkursen mit großen Pausen und von reisenden Lehrern, die stolz darauf verweisen, in wie vielen Ländern oder Kontinenten sie lehren und dort bereits Institute ihrer Schule gegründet haben".

Das führe zu folgenden Mangelerscheinungen: Viele dieser reisenden Trainer seien gar nicht mehr in Kontakt mit Patienten, die sie regelmäßig sehen. Sie wüßten nicht mehr, was es heiße, seelisch Kranke über längere Zeit zu begleiten. Sie selbst böten Selbsterfahrung in einem Setting an, das durch die Ausbildungssituation und das vorübergehende Zusammenleben einer Schülergruppe nicht mehr einem gängigen therapeutischen Setting entspreche.

Moser: "In der gruppendynamischen Situation mit den hohen Erwartungen an den Lehrer laufen andere Prozesse ab als in einer längerdauernden Einzel- oder Gruppentherapie. Viele Körperpsychotherapeuten durchlaufen also nicht eine regelmäßige Therapie, die dem, was sie später anbieten sollen, entspricht".

Übertragung - Gegenübertragung

In dem Buch von Gerda Boyesen "Über den Körper die Seele heilen", fänden sich zwar ähnlich mahnende Sätze, Warnungen von dankenswerter Klarheit, aber direkt daneben stünden Äußerungen von erstaunlicher charismatischer Leichtfertigkeit. Die meisten Lehrer, so Moser, seien charismatische Persönlichkeiten, Wanderlehrer, er erinnere nur an Fritz Perls, Alexander Lowen, Ilse Mittendorf, Gerda Alexander, Milton Erickson, Gerda Boyesen, Paul Boyesen, Arthur Yanov und viele andere. Das führe dazu, daß viel Arbeit ohne innere Kontinuität geschehe.

Moser: "Ich habe das gläubige Aufschauen, die erwartungsvolle Hingabe an das Außergewöhnliche einer Sitzung mit einem Protagonisten oft genug gesehen und erlebt... Je charismatischer ein Lehrer ist und von der Gruppe, die er gerade ausbildet, gesehen wird, desto weniger lernt die Gruppe den Umgang mit ihren Übertragungen und Gegenübertragungen".

Das Unbewußte auf einem Workshop wisse ja, daß es sich nicht auf ein kontinuierliches Durcharbeiten einstellen müsse, deshalb schalte es sozusagen die Gangart des punktuell intensiven Erlebens in der Gruppe ein und hole sich nach getaner Arbeit ein wenig Feed-Back aus der Gruppe oder anerkennende Kommentare des Leiters. Wenn dieser sehr erfahren und analytisch geschult sei, vermöge er auch in solchen Intervallsitzung etwas von der latenten Übertragung oder Gegenübertragung aufzunehmen und könne es in die Arbeit einfließen lassen.

Die Lernenden behielten jedoch oft den falschen Eindruck, daß die Arbeit sich in einem übertragungsfreien Raum abspiele und die Methode direkt und unmittelbar auf einen relativ unvorbereiteten Klienten anwendbar sei, weil ja die Teilnehmer in den Gruppen auch gleich positiv und mit starkem Erleben auf die Arbeit des großen Lehrers, des großen Vaters oder der großen Mutter angesprochen hätten.

In der Praxis erwiesen sich dann die Patienten als weit mißtrauischer, biestiger, unoffener, zäher und in der Beziehung schwieriger und widerständiger, auch selbstdestruktiver, als die lieben Freunde und Kollegen im Workshop.

Die Wunderheilungsstruktur der Fallgeschichten

Bei den allermeisten der Pioniere fänden sich in den Schriften Berichte oder Heilungen, die nicht selten den biblischen Wundererzählungen glichen. Da dies ein Biodynamikerkongreß sei, wolle er einige Beispiele von Wunderheilungen in Erinnerung rufen, die Gerda Boyesen "vollkommen ungeniert" in ihrem Buch preisgäbe.

Moser: "Man mag über ihrer Qualitäten denken wie man will, sie inszeniert sich in dem Buch als Heilsbringerin, die mit einer einzigen Methode z.B. die Psychiatrie revolutionieren könnte... So heißt es: >>Ich habe diese Methode in den verschiedensten Gruppen in allen möglichen Ländern der Welt ausprobiert und immer ein

ausgezeichnetes Feed-Back von den Teilnehmern erhalten. Sie fühlten sich körperlich besser, leichter und vor allem glücklicher.<<  Das Flugzeug wartet jeweils mit laufenden Triebwerken, aber bevor sie enteilen kann, ich sage das jetzt nicht speziell auf Gerda Boyesen gemünzt, ich habe es einfach mit mehreren so erlebt, bevor sie also enteilen kann, ruft ihr ein >>...durch bestimmte Handbewegungen Geheilter, nach: >Gerda, du hast mir einen Polypen aus meinem Solar plexus herausgezogen. Jetzt fühle ich mich frei und wirklich glücklich, reich und kraftvoll zugleich< <<..."

Es sei manchmal schwer, sich auf den vielen Seiten des Schmunzelns zu erwehren. Moser: "Therapie wird nämlich auf diese Weise nicht eine langsam zu lernende Kunst, sondern etwas Hunderprozentiges, trotzdem von allen angeblich Handhabbares. Hier wir die Verbreitung von Hoffnung oder, wie die Autorin es selbst nennt, >>von Träumen und Visionen<< höchst zweifelhaft".

Moser, nach einigen weiteren wundersamen Geschichten: "Ich hätte sie nicht solange mit diesen Geschichten genervt, wenn das omnipotente Charisma nicht geradezu ein Markenzeichen vieler herumjettender Körperpsychotherapeuten wäre".

Er habe von einigen Patienten sehr gute Dinge über die Wirkungen der biodynamischen Eingriffe ins Vegetativum innerhalb einer kontinuierlichen Therapie gehört. Er habe allerdings keinen Therapeuten getroffen, der mit dieser Methode allein gut gefahren wäre. Die, die er kenne, hätten sich für ihre eigene Gesundung und Reife wie für ihre berufliche Kompetenz noch eine andere Therapieform gewählt in der an und mit der Beziehung gearbeitet werde.

Moser: "Ich habe analytische Kollegen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen hören, wenn reine Psychodynamiktherapeuten bei ihnen Supervision suchten, weil sie über die Beziehungsverläufe zwischen ihnen und ihren Patienten erstaunt, erschrocken, vorwiegend aber ahnungslos waren... Ich habe mit Staunen davon gehört, wie schnell junge Menschen Assistenten werden, selbst mit Ausbildungsgruppen betraut oder Repräsentanten der Firma werden und für die Nutzung des Patents sogar bezahlen müssen".

Er zweifele ganz tief an der Annahme, daß sich mit der vegetativen Entspannung usw. die übrigen lebensgeschichtlichen Konflikte von selbst auflösten, sozusagen als artifizielle Überbauung der biologischen Grundschicht. Er zweifele auch, daß eine vegetative Entspannung und Entladung, Hörigkeit, Rivalität, innere Abwehr, Leere, Über-Ich oder Spaltungen auflöse und das authentische Selbst am Blühen halte.

Das Charismatische führe zu einer Übertragung, die einer frühmütterlichen idealisierenden Übertragung entspreche, aber sie werde nicht thematisiert. Die Analytiker, so Moser, sprächen von Introjekten, die sich einer raschen Lösung entgegenstellten; dies seien in jahrelangen traumatischen Konstellationen gebildete innere Instanzen, die auch über das Vegetativum Herrschaft ausüben könnten. Die

Introjekte könnten sehr wohl für einige Zeit zum Schweigen und vorübergehend zum Verschwinden gebracht werden durch eine gute Fee. Aber sie überlebten und lauerten, ja sie sännen sogar auf Rache an dem Selbst, das sich vorübergehend in fremde heilende Hände begeben habe.

Die Rachetendenz der Introjekte sei eine Entdeckung der letzten 20 Jahre in der Psychoanalyse, natürlich längst bekannt im Wiederholungszwang oder in der sogenannten negativen therapeutischen Reaktion. Moser: "Nach meiner eigenen körpertherapeutischen Erfahrung ist es einfach unsinnig zu glauben, daß so punktuelle Erlebnisse (wie Workshops), und mögen sie noch so tief gehen, jahrelange durch tiefe Ängste und Identifikationen gefestigte Instanzen einfach dahinschmelzen lassen, und zwar dauerhaft".

All dies werte die pionierhaften Entdeckungen von Gerda Boyesen nicht ab; er versuche nur zu verdeutlichen, wie tief er biodynamische Prozesse gerade in die verleugnete Übertragung eingebettet sehe und wie notwendig das Setting der Reiseheilerin zu dieser Art von Ereignissen gehöre.

Moser: "Auf je früheren und tieferen psychosomatischen Stufen ein Therapeut entspannend und lösend eingreift, desto tiefer ist die mütterliche Übertragung des Klienten". Diese Phase eines hingebungsvollen Vertrauens in eine mütterliche Person, die zudem eine hohe Intuition für die organismischen Vorgänge im Körperinneren habe, könne Wunder wirken, dort, wo die heilende Symbiose etwas repariere als Grundkraft des Lebens, als Zuversicht, als Kern eines zum Glück und zur Auseinandersetzung bereiten Selbst.

Aber die Entwicklung eines Selbst, das genießen und sich auseinandersetzen könne, verlaufe durch unzählige, nicht nur überstandene, sondern mitgestaltete soziale Situationen, durch Konflikte, Loyalitätskämpfe, Identitätskämpfe, Abgrenzungen und die Notwendigkeit einer Triangulierung. Alleinerziehende Mütter neigten dazu, die Rolle des Vaters zu vergessen. Sie nähmen eher an, daß einfühlsame, gewährende und entfesselnde Mütterlichkeit etwas sei, an dem Patienten allein genesen könnten. Und sie seien in der Bereitschaft, in Kooperation mit einem anderen Therapeuten strukturierende Anteile abzugeben, sehr viel enger, als Mütter in Kooperation mit einem männlichen Partner, der im sozialen Raum natürlich auch eine andere Frau sein könne; es sei immer die Rede von Kooperation.

Moser: "Dieser omnipotenten Mütterlichkeit von Gerda Boyesen steht Freuds ebenso omnipotente Väterlichkeit polar gegenüber". Gerda Boyesens bewundernde Rivalität mit Freud sei unübersehbar. Sie wolle ihn sozusagen vom intellektuellen Kopfstand auf die Füße und das solide Fundament eines großen Busens stellen und ihm bei Gleichgewichtsstörungen mit dem Kompaß des Stethoskops Orientierung geben. "Ohne Zweifel ist vieles für die Körperpsychotherapie enorm fruchtbar. Worum es mir geht, ist die Überzeugung, daß eine hochwirksame Methode angewandt wird, innerhalb einer charismatischen Übertragung, die aber verleugnet oder nicht für wesentlich gehalten wird".

Ein Patient, der seine Kindheit mit den Spaltungen seiner Person überlebt habe, gebe sie doch nicht nach wenigen Erlebnissen preis, erst recht nicht, wenn sie in seinem Lebenskreis immer wieder erneut ausgelöst würden.

Moser: "Jede längerfristige Therapie, besonders jene, die körperlich intensiv eingreift, führt zu einer Übertragungsbeziehung".

Sie lasse sich, soweit sie positiv bis religiös erwartungsvoll sei, eine zeitlang unthematisiert nutzen, aber nicht auf die Dauer übergehen. Es müsse mit ihr gearbeitet werden, auch wenn der therapeutische Prozeß immer wieder auf die Primärobjekte gelenkt werden könne.

Bei Störungen der positiven Übertragung sollte die Gegenübertragung als diagnostisches und therapeutisches Instrument benutzt werden, nicht als lästiges Übel. Alexander Lowen sage: `Gegenübertragung ist eine Störung, die gehört beseitigt'. Er stimme dem nicht zu. Um die Gegenübertragung nutzen zu können, brauche es langjährige Selbsterfahrung und Training. Die Biodynamik sei hervorragend geeignet für eine Zusammenarbeit mit einer analytischen oder längeren Gestaltarbeit oder anderen Therapieformen. Hier lägen auch die Chancen für die Integration der Biodynamik ins allgemeine Therapiesystem, auch hinsichtlich einer kassenrechtlichen Anerkennung oder der Chance zu einer Delegierung durch Ärzte.

In der überwiegend Mosers Argumenten zustimmenden Atmosphäre der anschließenden Diskussion verwiesen einige Teilnehmer (Moser kritisierend) auf die wertvollen direkten praktischen Erfahrungen mit Gerda Boyesen, die nicht in Worte gefaßt werden könnten und die Moser eben nicht habe, was dieser zugab.

Podiumsdiskussion

In der gut besuchten von Ulf Geuter geleiteten öffentlichen Podiumsdiskussion sprach sich Andreas Wehowsky (Biosynthese) für einen umfassenderen Lustbegriff aus:

"Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich die Freudianische Gebenüberstellung von Realitätsprinzip und Lustprinzip nicht sonderlich schätze... Eine Möglichkeit, von Freud aus energetisch zu fassen, was Lust- und Realitätsprinzip heißt, ist, von Lust als einem Ausdruck für frei fließende Energie zu sprechen. Und umgekehrt ist das Realitätsprinzip verbunden mit begrenzter Energie, jetzt nicht im Sinne von Quantität, sondern im Sinne von gebundener Energie, also mehr dem Erd-Prinzip verbunden statt dem Wasser-Prinzip".

Wir kämen hier, so Wehowsky, zur energetischen Realität, daß wir teilweise überbegrenzt und teilweise unterbegrenzt seien. Die Überbegrenzung, einer anderer Formulierung für Panzerung, sei der klassische energetische Ausdruck für den Charakter als Neurose gewesen. Man könne aber auch davon sprechen, daß wir eine Unterbegrenzung hätten.

"Heute ist die Situation so, daß die klassische Erscheinung von frühen Störungen oder von Charakterformationen ganz viel mit dieser Seite zu tun hat und daß das Streben nach freier Energie heißen kann, daß wir Grenzen, die eigentlich natürlich sind, die in sich überhaupt nicht problematisch, sondern notwendig und Teil der Natur sind, Teil der Schöpfung, und insofern nicht eine negative Realität, daß die viel zu früh aufgelöst werden und daß dann eine große Spaltung stattfinden kann zwischen inneren organismischen Wahrnehmungen und einer äußeren Realität. Meine Vermutung ist, daß gerade in der Biodynamik Grenzen zu stark runtergenommen werden und dann ein großer Kontrast entsteht zwischen ozeanischen Gefühlen auf der einen Seite und dem Umgehen mit der Realität auf der anderen Seite. Wir brauchen eine Körperpsychotherapie, die in der Lage ist, mit den formativen Prozessen von Grenzen zu arbeiten, um den Balancepunkt zwischen ihnen zu finden".

Auch die freudianische Gleichsetzung des Es mit dem vegetativen Prozeß und mit Lust sei zu kurz gefaßt. Wenn vom Begriff des Röhrentierchens, von den drei Röhren des vegetativen, organischen Kanals, des Muskel-Bewegungssystems und des Nerven-Sinnessystems, diesen drei zentralen Körpersystemen ausgegangen werde, könnten wir den Lustbegriff so fassen, daß wir in allen diesen drei Systemen Lust empfinden könnten. Also nicht nur im vegetativen Prozeß, sondern auch im Bewegungsprozeß und wir können Lust an unserer Wahrnehmung haben, an unserem Denken. Dann kämen wir in den Bereich der Ästhetik. Wehowsky: "Ich schlage vor, den Lustbegriff aus dem Gefängnis des Es-Kanals zu befreien und einen umfassenderen Begriff zu formulieren. Von da aus können wir auch therapeutische Prinzipien formulieren, wie wir mit diesen Lüsten arbeiten und sie so ausbalancieren können, daß zwischen Lust und Realität vom Kern des Verständnisses her kein Widerspruch zu bestehen braucht."

Ulrich Sollmann (Bioenergetische Analyse) verwies darauf, daß das Realitätsprinzip der Förderung des Lustprinzip diene: "Lowen sagt: `Das Ich differenziert sich aus dem ES heraus, nur um sich in den höchsten Augenblicken des Lebens im ES zu verlieren'. Das Realitätsprinzip dient somit der Förderung des Lustprinzips. Der Körper ist ein wirklich erfaßbarer, erfahrbarer Bereich, d.h. sie brauchen nicht phantasieren, sie brauchen nicht deuten, er ist da. Lowen sagt, es gehe daher in der Therapie darum, den Menschen in die Wirklichkeit zurückzubringen, in die Wirklichkeit seines Körpers, in die Wirklichkeit seiner Augen, in die Wirklichkeit der Ohren, und in die Wirklichkeit seines energetischen Innenlebens, was auch immer das sein mag".

Inzwischen sei Lowen vom Begriff der Energie abgegangen, er spreche nur noch von Erregung. In der bioenergetischen Analyse gehe man davon aus, daß wir mit einer, wie auch immer gearteten Grundausstattung geboren werden, um dann lebensgeschichtlich unseren Weg zu beschreiten. Sollmann: "Ich bin froh, daß wir nicht mehr nur von einer Energie sprechen, sondern von einem Erregungsprozeß.

Die Phänomene, die wir sehen, die wir hören, die wir uns denken über den Patienten, sind im Grunde genommen alle Bestandteile eines einzigen Prozesses."

Ken Speyer (Integrative Biodynamik) erklärte, es gehe nicht primär um Lust, sondern um Freude. Es gehe um Freude im Sein. Das sei unser Grundzweck. Es sei die Fähigkeit, jetzt zu leben. Alle Arbeit mit Übertragung, Aggression usw. wäre nur darauf gerichtet, jetzt zu leben. "Jetzt" habe für ihn zwei Aspekte. Es gäbe einen Zeitraum des Jetzt. Der schließe Zukunft und Vergangenheit ein. Speyer: "Im Jetzt, das zwischen Vergangenheit und Zukunft ist, ist unsere größte Freude. Wo ES war, soll ICH werden. Ja! Wo ICH war, soll ES werden. Ja! D.h., die entfremdeten Teile von uns, und ich benutze ES und ICH nicht im Freudschen Sinne, sollten als Ich erkannt werden, aber, wir haben viele Ich, viele Ebenen von Ichs". Der Prozeß der Therapie, bewußt oder unbewußt, sei eine Identifikation mit entfremdeten Anteilen und dann eine Ent-Identifikation und "wo ich dachte, das sei ich, finde ich vielleicht heraus, daß es doch nicht mein essentielles Ich ist."

Angelika Gölz (Gerda Boyesen Methode) erklärte, daß sie, als sie die Ankündigung `Körperpsychotherapie zwischen Lust- und Realitätsprinzip' gelesen habe, darin überhaupt keinen Unterschied gefunden hätte. Allein diese Gegenüberstellung bedeute, daß man die Realität als lustlos bezeichne und die Lust als realitätsfremd. Lust sei ein Ja-Sagen zum Leben, Ja-Sagen zum menschlichen Dasein. Und da sei ja doch die Realität wieder. Sie sei auch auf das Wort Freude gekommen: "Welches Gefühl habe ich eigentlich, wenn ich als Therapeutin arbeite? Gibt es eine Lust `des Therapeuten'?... Wenn ich in einer tiefen Begegnung mit einem Klienten bin, erlebe ich Freude. Dieses Gefühl der Freude ist ein Gefühl der Verbundenheit... Für mich geht es im Annehmen des Daseins um das Verbundenfühlen... Das schmerzhafteste an der Angst ist für mich die Isolierung voneinander. Mein Ziel des therapeutischen Arbeitens ist deshalb die Verbundenheit, deshalb Beziehungsarbeit, deshalb Arbeit an der Resonanz."

Tillman Moser: "Meine Überlegung war: Gibt es einen Gegensatz von Lust oder Freude und Realität? Dabei ging mir durch den Kopf, warum es z.Zt. noch so wenig Kommunikation mit den DDR-Therapeuten gibt. Mir fiel ein, daß unsere Überlegungen, wieviel Freude oder Lust Therapie macht, auch davon abhängig ist, ob wir frei sind von innerer oder äußerer Sorge. Es sieht so aus, als seien die Therapeuten in der DDR überhaupt nicht an dem Punkt, an dem wir diskutieren. Ich sag's mal ganz grob: Unsere Themen sind eigentlich Wohlstandsthemen". Damit wolle er sie nicht abwerten. Aber daß wir uns so differenziert der Diskussion hingeben könnten, ob nun in unsere Therapie ein bißchen mehr Freude oder ein bißchen mehr Lust an der Realität eingehe, heiße, daß wir eigentlich relativ frei von äußeren Sorgen seien und wir sowohl unseren Arbeitsplatz wie unseren Platz für Vergnügen und Freizeit oder Begegnung so wählen könnten, daß wir an der Erzeugung unseres eigenen Lust-Realitäts-Pegels arbeiten könnten...

Moser: "Therapie und vor allem auch die Körpertherapie kann langfristig das Verhältnis von Pflicht, Arbeit, Freude und Lust verändern, sicherlich. Aber an mir selber beobachte ich, daß sich das vielleicht pro Jahr um zwei Prozent verschiebt. Gemäß meiner Herkunft aus pflichtbewußter religiöser, das Jammertal eigentlich transzendierender Erziehung, könnte ich zwar wahrscheinlich in einem Seminar, z.B. von Gerda Boyesen, regelrechte Halleluja-Erlebnisse haben und davon auch etwas behalten... aber von dem Pegel ausgehend, den ich aus meiner Kindheit mitgebracht habe, traue ich mir, wie gesagt, nur zwei Prozent im Jahr an Veränderung meiner Bilanz zu".

Und so könne gefragt werden, welche Chance unsere Therapieformen in Kontinenten oder in Ländern hätten, die nicht nur tief in der materiellen Sorge stünden, sondern auch noch in einer Sorge, die er an einem kleinen Beispiel analysieren wolle: "Eine Kollegin in Ost-Berlin erzählte mir von der Therapie mit einem ehemaligen DDR-Botschafter in einem afrikanischen Land. Sie sagte: `Ich habe schon eine Weile gebraucht, um zu verstehen was ihr meint, mit dem authentischen Selbst... aber schon mit dem, was ich darüber kapiert habe, kann ich bei diesem Mann nicht landen, weil er nicht kapiert, was ich damit meine. Er ist von der Krippe an gewohnt, sein Selbst zurückzunehmen hinter Leistungs-Gehorsam oder Norm-Gehorsam und einem Absehen von der eigenen Individualität. Wir haben es in unserer Diskussion also mit Phänomenen zu tun, die auch mit unserem ökonomischen Status zusammenhängen."

Wo sei denn nun aber die vielbeschworene Primärpersönlichkeit in der Körperpsychotherapie zu finden. Im Lustprinzip oder eher im Realitätsprinzip?

Ken Speyer meinte, es gäbe keine Primärpersönlichkeit, es gäbe nur "immer ein wenig mehr primärer sein, und wenn es ganz primär ist, ist es keine Persönlichkeit mehr. Es gibt nur relativ primäre Persönlichkeiten."

Tillman Moser sagte, daß ein Teil des Euphorismus in der Körpertherapie auch eine Abwehr unserer nichtbewältigten NS-Vergangenheit sei: "Wir alle, außer die allerjüngsten hier, sind von Eltern gezeichnet, die unter enormer Repression, Angst, Heimatverlust usw. gelitten haben. Sie haben meist darüber nicht mit uns gesprochen, wir haben ihre Erfahrung nicht geteilt. Ein Beispiel aus der Praxis: ein 55jähriger Professor, der es mit sehr viel Anstrengung zu einer Rolle gebracht hat... Identifikation mit der Mutter, die ein hohes Leistungsideal hatte etc.. Er kommt und sagt: `Meine Studenten lieben mich nicht und ich habe Angst, in die Vorlesung zu gehen'. Wenn ich ihn an das authentische oder primäre Selbst des Kindes heranführe, das in ihm angelegt war, zerstöre ich seine Existenzgrundlage".

D.h. er müsse mit ihm einen Weg gehen, wo Freude, Lust, Genuß und auch eine andere Zeiteinteilung in kleinen Dosen in sein Leben einfließen könnten, damit er nicht aus den Latschen kippe. Und das bedeute, mit ihm eine Bilanz neu zu suchen. Nachdem er nach drei Jahren ein großes Zutrauen zu ihm und der Gruppe habe, sei  es ihm möglich, sich so gehalten zu fühlen, daß seine Urverzweifelung, sein Gefühl nicht gewollt zu sein, ins Leben herausbreche. Und in dem Erleben der Verzweifelung, der Trauer und des Schmerzes erlebe er sich zum erstenmal als authentisch.

D.h., mit einer Reihe von Patienten gäbe es lange Strecken, wo das primäre Selbst überhaupt nur in Not und Verzweifelung erscheine.

Moser: "Schauen wir uns die Säuglingsforschung an. Inzwischen ist klar, daß es mit Lust- und Realitätsprinzip überhaupt nicht zu machen ist, sondern daß Säuglinge eine Reihe von voneinander abgrenzbaren `states', also Zuständen, haben, in denen völlig divergente Interessen dominieren: Sättigung, Lust, Bewegung, Neugier, stille Ruhe, Beobachtung. Diese verschiedenen Zustände ragen auch ins Erwachsenenleben hinein. Das authentische Selbst ist also nicht etwas Kohärentes, sondern ich erlebe mich in sehr verschiedenen Zuständen."

Was bedeute, so Diskussionsleiter Ulf Geuter, Essenz in der therapeutischen Arbeit?

Andreas Wehowsky erklärte, es gäbe eine Polarität zwischen Essenz und Existenz oder einem inneren und äußeren Grund. Für ihn bestehe immer die Gefahr, daß wir beide Seiten spalteten und daß sie in der Realität möglicherweise nicht zusammenkämen. "Wir haben aber gerade in unserer Arbeit die Aufgabe, beide Seiten so gut wie möglich zusammenzubringen."

Angelika Gölz meinte, daß es für sie darum gehe, die Essenz in die Existenz zu bringen, die Essenz zu verkörperlichen. Sie glaube, der Schmerz liege darin, die Essenz zu spüren und sie nicht verkörperlichen zu können. In der therapeutischen Arbeit gehe es um eine Verkörperlichung, die dann hoffentlich auch in der Welt existieren könne... ohne den Therapeuten. Essenz, das seien Potentiale. Ihre Schwierigkeit mit dieser primären Persönlichkeit sei immer gewesen: "man durfte keinen Schmerz haben, man durfte keine Angst haben, da war nur das glückliche Kind".

Andreas Wehowsky: Authentizität habe sehr viel mit der Begegnung des Leides zu tun und mit dem Leid arbeiteten wir als Therapeuten ja ganz geschickt. Darüber hinaus gäbe es aber noch Schichten, die wir sehr wenig berührten, z.B. das Leid, das wir gegenüber den kollektiven Vorgängen auf unserem Planeten hätten. "Wir haben also sehr viel mehr Aufgaben und sehr viel mehr Themen, denen wir uns stellen müssen. Gleichzeitig brauchen wir jedoch eine innere Kraft, um uns diesem Leid zu stellen. Wir müssen lernen, direkter mit der Essenz Kontakt aufzunehmen. Ein Beispiel: in meiner Arbeit erforsche ich derzeit das Meditieren mit essentiellen Symbolen, wobei mich nicht primär die Bedeutung interessiert, ich denke, die teilt sich sowieso mit, sondern mehr die energetische Erfahrung eines Symbols. Wenn wir ein Symbol visualisieren, auf eine imaginäre Ebene gehen und ein Überlappen mit unserem Energiefeld erlauben, kann eine unmittelbare Berührung der Vorstellung mit unserem energetischen Zustand stattfinden und sich die bewußte Erkenntnis ereignen, um welche Qualität es sich handelt...

Neulich induzierte sich durch ein solches Symbol eine energetische Veränderung mit einem Gefühl tiefen Friedens, das ein paar Tage anhielt. Es handelte sich um eine sehr gezielte Arbeit und wir gingen nicht durch tiefe Schichten der Persönlichkeit, durch Vergangenheit, Schmerz, Leid, Widerstände usw. Es handelte sich um einen sehr direkten Zugriff."

ULf Geuter: "Inwieweit trägt so etwas? Du sagtest, es hielt ein paar Tage an".

Wehowsky: "Es ist wichtig, daß wir alle lernen, wie wir an unsere Ressourcen herankommen. Ressource bedeutet im Englischen: zurück zu den Quellen. Mir geht es hier um das Zusammenspiel von Bewußtsein und Energie. Es ist wichtig, daß wir lernen, uns von innen heraus zu nähren. Wenn wir es immer mehr üben, desto leichter wird es uns fallen."

Sollmann: "Essentielle Veränderungen brauchen sehr lange, ein, zwei, drei, vier Jahre manchmal, bis, ja vermeintlich essentielle Änderungen eintreten". Es gehe dabei um so viele subtile Dinge... und nach einem halben Jahr tauchten sie wieder auf und seien wieder da, obwohl man dachte, man hätte sie abgearbeitet. Es sei ein manchmal mühsames Geschäft.

Ulf Geuter: Gerda Boyesen sagte einmal: `Wenn der Therapeut sich wohlfühlt, kann sich der Klient auch wohl fühlen'."

Ken Speyer: "Tillman Moser erwähnte, Therapie sei eine langsam erlernte Kunst. Ja, das stimmt. Man kann Therapie nicht wissenschaftlich erlernen. Therapie bleibt eine Kunst, voller `ich weiß nicht wie'. Wissenschaft kann etwas dazu beitragen". Wenn die ganze Therapie für den Therapeuten eine Meditation sei, dann sei es gute Therapie. Er sitze in sich in einer Art tiefer Ruhe und Freude. Nur dann sei der Klient wirklich frei, zu sein. Er müsse dem Therapeuten nichts geben, ihn nicht glücklich machen. Der Therapeut müsse grundsätzlich in sich ruhen. Das bedeute natürlich auch, daß er durchaus Streitigkeiten mit seiner Frau usw. haben könne. Die innere Freude des Therapeuten am Leben sage dem Klienten: `Du mußt mich nicht glücklich machen, es gibt keinen Leistungsdruck.'

Es sei relativ unwichtig, daß der Therapeut den Klienten verstehe. Die Hauptsache ist, daß er merke, daß der Klient da sei. Und ebenso müsse der Therapeut merken, daß er selbst da sei. Speyer: "Das ist genauso schwer. Es geht hier um die elementare Freude, die sich zeigt, wenn wir eine Katze sehen, oder eine Wolke oder einen Baum. Und wenn wir dazu, zusätzlich noch etwas verstehen und tun können, dann sind wir wirklich Therapeuten."

Angelika Gölz anwortete, daß sie sich in der Körpertherapie genau von dieser Einstellung verlassen gefühlt habe. "Gerda Boyesen saß in ihren ozeanischen Gefühlen da und ich war, was weiß ich wo. Das interessierte sie auch nicht. Ich konnte sie nicht erreichen. Es kam nichts zwischen uns zustande. Was passiert z.B. mit der Gegenübertragung?"

Manchmal trage sie in der Gegenübertragung etwas mit dem Klienten, sie ertrage es. Bei ganz frühen Störungen müsse sie manchmal für ein ganzes Jahr etwas tragen. Das sei keine Freude, das sei auch eine Last.

Wehowsky: "Es ist ein Ideal anzunehmen, daß ich ständig aus meiner Essenz heraus arbeite, das ist keineswegs der Fall. In den letzten zwei, drei Jahren in Berlin arbeitete ich etwa 40 % mehr, als ich aus meinem Herzen heraus arbeiten konnte. Das Gefühl war ziemlich klar, aber ebenso auch die Notwendigkeiten der Ökonomie. Das ist nicht so ein großes Problem, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß für mich in gewisser Weise eine Lust auch noch dann besteht, wenn ich müde oder sogar erschöpft bin... Selbst in Stunden, die ich sehr müde begonnen habe, wurden oft sehr tiefe Erfahrungsbereiche geöffnet."

Tillman Moser sagte zum Thema Verstehen. "Es kann sehr viel Elend und Leid auslösen, wenn ich als Therapeut den Klienten nicht verstehe". Menschliche Nähe bedeute auch, einen komplizierten Sachverhalt zu verstehen. Es möge vielleicht für den Klienten das erstemal sein, daß sich jemand so in sein Problem eindenke, nicht mal einfühle, sondern eindenke. Manchmal gehe es um das Verstehen einer komplizierten Familiensituation, um einen verwickelten Sachverhalt, da helfe nicht nur Dasein und Halten.

Ken Speyer: Natürlich sei Verstehen auch sehr wichtig. Warum sei er aber Therapeut? Vielleicht, um einfach das Leben mit anderen Menschen zu teilen, "was immer dieses Leben ist? Vielleicht aus meiner Einsamkeit heraus, auch vielleicht um mit Leuten zu sein, die das Leben manchmal so schrecklich finden wie ich es manchmal schrecklich finde. Da gibt es keinen Widerspruch."

Angelika Gölz: "Es hört sich so richtig an, was Du sagst, und deshalb ist es schwer zu widersprechen, aber ich habe mich von genau dieser Einstellung oft verlassen gefühlt. Diese Einstellung ist fast so etwas wie ein Schutz, um aus der Beziehung herauszutreten". Die Arbeit von Übertragung und Gegenübertragung sei komplizierter. Denken sei ja auch ein sehr lustvoller Prozeß. Die Einbindung des Haltens in einen größeren Rahmen des Verständnisses habe ihr in der Körpertherapie oft gefehlt.

Andreas Wehowsky: "Körperarbeit, Beziehungsarbeit, Kognitive Arbeit. Wenn wir das Konzept von Verkörperung ernst nehmen, können wir sagen, daß alle diese Dinge verkörpert sind. D.h., wenn wir Beziehungsarbeit machen, verlassen wir keineswegs den Körper". Wir müßten gemeinsam, auch mit den Analytikern, etwas Drittes aufbauen, nämlich ein sehr genaues Verständnis, eine genaue Beobachtung, eine genaue Arbeit mit der Frage, wie Beziehungen verkörpert sind, kognitiv, vegetativ usw.

Auf die weiteren interessanten Vorträge z.B. von George Downing zur Übertragungsarbeit mit Borderline-Patienten, Ken Speyer über "Das Menschenbild der Integrativen Biodynamik", Barbara Kalinowski über "Energetische Prozesse in der therapeutischen Beziehung", Volker Knapp "Der vergessene Reich-tum", Bettina Schroeter "Körperpsychotherapie bei Frühstörungen" usw. kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Der VIB plant jedoch eine Veröffentlichung der Texte.

Es gibt Befürchtungen, daß dieser durchaus nicht klein angelegte Kongreß zu einer Alternative für die EABP-Kongresse werden könnte. Kongreßbesuche kosten viel Geld, Zeit- und Reiseaufwand. Plädiert wird für kleinere Treffen innerhalb der Schulen, auf denen persönliche Kontakte und theoretischer Austausch kombiniert werden könnten. Bedenkenswerte Einwände sicherlich. Die Teilnehmer waren allerdings doch fast überwiegend Biodynamiker. Unser Arbeitsfeld dehnt sich eben aus und die Schulen vergrößern sich. Wir sollten diesen Prozeß nicht stoppen sondern in etwa kanalisieren, um Auswüchse, die unserem Beruf und Ruf schaden, zu vermeiden. Die EABP (Europäische Gesellschaft für Körperpsychotherapie) wird Erfolg haben, wenn sie dieser Aufgabe gerecht wird. Dies gelingt nicht über Beschränkung, aber auch nicht über kooperationsloses Gewährenlassen. Die jetzt bestehenden Schulen sind über lange Jahre gewachsen und haben ihre eigenen Organisations- und Kommunikationsformen entwickelt. Sie sind das Fundament der Pyramide. Die Spitze mögen internationale Kommunikationszusammenhänge wie die EABP- oder die Somatotherapie-Kongresse bilden. Dazwischen braucht es jedoch nationale Kongresse, die unseren gemeinsamen Bedürfnissen gerecht werden: nach Überblick, Informationsaustausch, nach Eingebundensein in einen größeren Zusammenhang, Schutz unserer berufspolitischen Interessen, Abgrenzung des Feldes usw.

Der VIB-GIB-Kongreß 1992 wurde einerseits überwiegend von Biodynamikern besucht, war andererseits offen (gut besuchte öffentliche Podiumsdiskussion) und schulenübergreifend. Er steht somit zwischen z.B. dem schulinternen 1991er Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Biodynamische Psychologie (G. & P.Boyesen) und z.B. dem nationalen Italienischen Kongreß für Körperpsychotherapie 1990 (der etwa schon unter der Schirmherrschaft des Wissenschaftsministeriums stand). Ein guter Schritt auf dem Weg also zu einem ersten Kongreß einer noch zu gründenden Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie, die Mitglied im Dachverband der EABP wäre.

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