Forschungsreisen in körperpsychotherapeutischen Männergruppen

von Bernhard Maul, Freiburg

Erstes Treffen. Zwölf Männer im Kreis: "Nachdem wir uns nun ein wenig bekannt gemacht haben, sagt doch bitte, was ihr von der Männergruppe erwartet". Die Körper dampfen noch von der vorangegangenen halbstündigen energetischen, Kennenlern-Körperarbeit mit Lockerungs-, Atem-, und einigen kleinen Begrüßungsübungen. Harald: "Ich habe Schwierigkeiten mit Männern, bin immer sofort in Konkurrenz mit ihnen und weiß oft nicht wieso." Hannes: "Ich bin hier, weil ich meine ganze Kraft rauslassen will, bei Frauen muß ich immer soviel zurückhalten". Fred: "Mein Vater war nie zuhause und wenn, dann hat er gesoffen. Ich weiß nicht, was ein Mann eigentlich ist. Vielleicht finde ich´s hier ja raus." Karl: "Mit der Sexualität hab´ ich so meine Probleme. Eventuell kann ich von anderen Männern hören, wie die damit umgehen." Rolf: "Geborgenheit, gibt es die auch mit Männern?" Rudi: "Meine Mutter hat mich zum Mann gemacht. Mein Vater war kaum da. Mutti wurde ja selbst von einer Frau, ihrer eigenen Mutter, erzogen. Männer waren für sie Geldbeschaffer, Fußballspieler, Vater, Geliebter, Schulfreund. Ich glaube, ich war der Ersatzgatte." Manfred: "Frauen saugen mich auf, ich weiß auch nicht, ich brauch´ irgendwas anderes, Festigkeit in mir, oder so." Zustimmendes Nicken, rasche Seitenblicke wie zur Bestätigung, daß der (dieser große Mann) das von seiner Schwäche tatsächlich gesagt hat, erstauntes Aufmerken, interessiertes Zu- oder Weghören (damit will ich lieber nichts zu tun haben), der eine setzt sein gelangweilt-überlegenes Pokerface wieder auf, das nach der Kontaktübung mit den Füßen Richtung Traurigkeit verrutscht war, der andere sucht mit oralen Augen die Gesichter nach freundlicher Unterstützung ab usw.

Eine neue Männergruppe. Was wird sie den Teilnehmern und auch uns, den Therapeuten, bringen? Die Gruppe im allgemeinen, die gleichgeschlechtliche oder die gemischte, die Thema-, Alters- oder Berufsgruppe usw., ist heute wohl die verbreitetste Therapieform. Ihre interaktionellen Möglichkeiten sind eine der wesentlichsten Entdeckungen in der Psychotherapie des 20. Jahrhunderts. Das Erleben wird intensiver, wenn andere wirklich auf Dich eingehen, sich mit Dir beschäftigen, mit Dir an der Lösung Deiner Probleme arbeiten, das Zusammengehörigkeitsgefühl füllt alte Löcher auf und regt die Leistungsfähigkeit an. In funktionierenden Gruppen erhöht sich immer wieder die Risikobereitschaft, besonders der masochistischen und oralen Charakterstrukturen, die hier viel eher bereit sind neue Schritte zu wagen. Der Gruppenprozeß aktiviert die Depressiven, denn Gemeinschaftshandlungen werden meistens intensiver ausgelebt als Einzelaktivitäten. Die natürlicherweise auftretenden Konkurrenzsituationen und Widerstände relativieren narzisstische Größenphantasien und Rechthabereien. Aber auch frühkindlich erworbene störende Verhaltens- und Erlebnismuster können ideal erforscht, unterschieden, verglichen und überwunden werden.

4. Treffen. Nach der üblichen Energiearbeit eine Paarübung. Ein Mann soll einen anderen auf dem Boden sitzend in seinen Armen halten. Danach Austausch im Kreis. Fred: "Es fiel mir sehr schwer, mich von einem anderen Mann wiegen zu lassen. Das lag nicht an Rolf, er hat mich wirklich gut gehalten. Nachdem ich ein wenig losgelassen hatte, wurde ich ziemlich aggressiv, ich hätte ihn schlagen können. Ein paar Minuten später wurde ich ziemlich traurig. Ich habe auch ein wenig geweint. Mein Vater hat mich nie gehalten. `Das is´ was für Babys´, meinte er immer verächtlich," Fred zögert, atmet, stößt hervor: "Papa, das ist Quatsch!" Warum aber reine Männergruppen? In den verschiedensten Zivilisationen haben sich Männer (und Frauen) immer wieder Räume und Zeiten geschaffen (auf positive oder negative Art), wo sie "unter sich" waren, abgegrenzt vom anderen Geschlecht, um die besondere Atmosphäre der Gleichgeschlechtlichkeit zu spüren und sich von ihr nähren zu lassen. "Wenn Frauen dabei sind, gehe ich sofort in Konkurrenz zu den anderen Männern." "Nichts gegen Frauen, wirklich nicht, aber wenn nur eine da ist, verhalte ich mich anders." "Vielleicht hat das was mit den Hormonen zu tun." "Ich orientiere mich sowieso zuviel an Frauen, die Männer übersehe ich dann schnell." "Alle meine Frauen sollten mir bestätigen, daß ich ein Mann bin. Haben sie auch gemacht, aber irgendwie nützt das nix." Überliefertermaßen können nur Männer anderen Männern das Gütesiegel der Männlichkeit verpassen. Klassische Initiationen finden unweigerlich in einer ausschließlich männlichen Umgebung statt, weit weg von jeder Frau und jedem weiblichen Einfluß. In geheimnisvollen Zeremonien wiederholen die Männer rituell den Prozeß der Geburt. Die Knaben kommen z.B. in eine große, gebärmutterähnliche Hütte, man gibt ihnen Blut zu trinken, als käme es aus einer Nabelschnur, sie werden gefüttert wie an der Mutterbrust - das alles, ehe sie bei Musik und Tanz in die Welt der Männer aufgenommen werden. Denn Frauen vollbringen zwar das Wunder der körperlichen Geburt, aber nur Männer können aus Jungen Männer machen, dies ist der Glaube, dies ist die Erfahrung. Solche Einweihungsrituale wurden in Hunderten von Kulturen vorgefunden. Wir heute kennen keinen Kreis der Männer und auch keine Bewährungsproben mehr, durch die ein Junge zum Mann werden könnte. Das Fehlen solcher Rituale ist uns kaum bewußt, wir sind ja zivilisiert und der Rest ist doch Aberglaube, klar, oder?! Klar ist jedenfalls, daß wir nicht mehr im Regenwald, sondern im Berliner Großstadtdschungel leben, aus dem viele Einzelkämpfer, meist akademische Individualisten zu uns kommen, die sich mit Themen wie Konkurrenz, Aggression, Vater, Sexualität, Geborgenheit, Identität und natürlich Frauen, oder eben keine Frauen herumschlagen. Verfolgt von archaischen Männlichkeitsbildern, die jedem überdimensional von Werbeplakaten, Kinoleinwänden, an jedem Kiosk hundertfach und bis ins traute Heim hinein aus der Flimmerkiste heraus anspringen, weiß "mann" oft nicht mehr, wer "mann" ist oder sein soll.

8. Treffen. "Sucht euch einen Partner, stellt euch Rücken an Rücken und drückt den anderen an die Wand." Rudi, der Arrogante, geht die Sache locker an, bis er fast an der Wand klebt. "Scheiße", schreit er schweratmend, "ich will mich nicht anstrengen, um zu gewinnen!" Sein Partner, der kleine Karl lacht: "Ich reiß´ dir die Maske schon ab!" Der "Ernst des Lebens" bringt Energie in die Körper, der große Raum kocht. Schreie der Wut, Flüche, Lachen, einer kämpft heulend gegen den Größeren an und hält tatsächlich stand. Rudi später in der Runde: "Karl hat mich wirklich zum kämpfen gezwungen. Das laß´ ich sonst nie zu. Vor diese Schwelle setze ich immer das, was andere arrogant nennen. Ich teste nie meine ganze Kraft aus, d.h. ich weiß eigentlich nicht, wie stark oder schwach ich tatsächlich bin." Urgesellschaften hatten ein eindeutiges Männerbild vom Jäger, Krieger, Ernährer und Beschützer. Doch die primitiven Bilder verschwammen in der Flutwelle der Moderne. Das Erreichen von "Männlichkeit" gelingt in unserer heutigen Gesellschaft nur sporadisch. Manche schaffen es, andere nicht. So scheint es auszusehen, wenn wir uns an den massenmedialen Männlichkeitsidealen messen. Viele der allgemein akzeptierten männlichen Werte haben ihre Wurzeln in archaischen Modellen. Aber auch die moderneren Versionen, der Wissenschaftler, der Astronaut, der Rennfahrer, der Lehrer, der Soldat usw., sind nicht mehr unangefochten männliche Domänen, was ja auch gut ist. In welchem Sinne sind dann Männer eigentlich noch "Männer"? Warum überhaupt "Männlichkeit" als gesondertes Ideal? Warum überhaupt unterscheiden zwischen "Männern" und "Frauen", "Männern" und "Jungen"? Sind wir nicht alle einfach nur "Menschen"? Androgyne gar wie Prince von sich (werbehalber?) behauptet? "Männlichkeit" ist sicher kein endgültig definierbarer und erreichbarer Seinszustand, der eventuell auch noch per Diplom bewiesen werden kann. Mann zu werden und zu bleiben ist eine endlose Aufgabe.

14. Treffen. Dieter: "Vielleicht wäre es gut das Konzept einer `Männlichkeit´ überhaupt aufzugeben... vielleicht. Vor 20 Jahren war ich überzeugt von der gesellschaftlich begründeten Konditionierung menschlichen Verhaltens. Es gab für mich keine unveränderbaren Geschlechtsunterschiede. Naturwissenschaftlich und ökonomisch-marxistisch durchgeschult hatte ich genügend wissenschaftliche Aussagen zur Hand, daß Erziehung den Mann zum Mann und die Frau zur Frau macht. Biologische Prädisponierungen in Diskussionen einzubringen war sexistisch, faschistisch und teuflisch bourgeois. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher." Übersensible Männer gingen damals vor dem Feminismus in die Knie und gestanden heulend ihre Unsicherheit. Der sensible Mann von heute jedoch entdeckt auch wieder den Krieger und Jäger, und ballt auch wieder die Faust, doch ohne Blindheit, denn Macho, das wissen wir inzwischen, ist nur ein anderes Wort für Unsicherheit.

"Der Macho, der Softie und ich. Zeit für eine Synthese", meint Günter, während die anderen ihm lachend zustimmen. Es gibt sehr reale Gründe für die Unsicherheit der Männer. Wie Mädchen sind auch kleine Jungs zarte Wesen und bleiben lange auf Mama angewiesen, wachsen großenteils unter Frauen und Kindern auf. Kommen sie in die Pubertät, sollen sie jedoch der nährenden, weiblichen Welt den Rücken kehren und Kraft, Ausdauer, Mut, Selbstvertrauen und Selbständigkeit zeigen. Der Übergang ist schwierig. Die meisten laufen mit einem weiblich geprägten Bild von Männlichkeit durch die Welt, der Rest kommt aus Comic-Heften, Fernsehen, Kino. Das Erreichen der Medien-Männlichkeit fordert jedoch weder Opfer noch Mühsal; sie belohnt vielmehr kindliche Genußsucht. Wir müssen nicht sterben, um als Mann wiedergeboren zu werden - wir müssen bloß andere Waren kaufen.

17. Treffen. "Legt euch jetzt bitte auf den Rücken und stoßt das Becken nach oben in die Luft. Nach einer Weile drückt euer Partner dagegen und gibt euch Widerstand." Hannes ruft: "Becken ist böse, iggittigitt!" Alles lacht. Der Energiefluß wird oft im Becken gestaut. Brust raus, Arsch rein, d.h. eingeklemmt. So klemmen wir oft auch unsere Sexualität ein oder machen Liegestützen daraus. Später im Kreis meint Felix: "Ich hätte nicht gedacht, daß soviel Kraft in meinem Becken steckt. Nach einiger Zeit flog es nur so nach oben. Fred hat genau den richtigen Widerstand gegeben. Das strömt jetzt da durch, macht mir fast Angst. Wo soll das denn hinführen? Fühlt sich aber trotzdem gut an." Ein fundamentales Ziel der Entwicklung, nicht nur der männlichen, ist das Reifen von Schwäche zu Stärke, von Hilflosigkeit zu Verantwortung, von Abhängigkeit zu Unabhängigkeit. Primäre Aufgabe ist die Selbstdefinition, die Bildung einer Identität, die Differenzierung. Dieser Entwicklungsprozeß ist jedoch kulturspezifisch und nicht universell. Die "Primitiven" sahen den Übergang von Kindheit zu Männlichkeit mehr gemeinschaftlich denn individualistisch. Erwachsenwerden bedeutete dort immer auch die Übernahme gesellschaftlicher Pflichten, das Erlangen, ja Erarbeiten eines Zugehörigkeitsgefühls und nicht der Individuation; denn das Individuum sollte zu einem integrierten Bestandteil des Stammeslebens werden. Unsere "zivile" Welt achtet jedoch vergleichsweise wenig auf Verbundenheit und kollektive Wurzeln. Private Leistungen, Schulabschlüsse, Diplome, Doktorarbeiten, braune Gürtel im Karate, Dane im Aikido, Grade im Schach usw., sollen zu Schwellenerfahrungen werden, doch diese Handlungen sind arm an Hilfestellungen, so daß sie nicht wirklich einen Übergangszweck erfüllen, uns nicht von einer Stufe auf die andere heben. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, daß unsere persönlichen Unzulänglichkeiten (oder was wir dafür halten) oft nur das Ergebnis der Diskrepanz von dominanten Werten unserer Kultur und gesellschaftlicher Wirklichkeit sind. Individualistische Einweihungen machen uns blind für gesellschaftliche Zusammenhänge. Die Neigung zur privaten Reise nach innen ohne gesellschaftlichen Kontext ist seit den brutalen Kollektivismen von Faschismus, Stalinismus und anderen "mu(ü)ssen" fast obligat geworden. Vielleicht liegt in der Abneigung, die Interdependenz zu akzeptieren und zu schätzen, die Ursache für jenes vage Gefühl der Unmännlichkeit, das beim modernen Mann so häufig vorkommt.

25. Treffen. Aus 12 Männerkehlen dröhnen Töne ins Rund, zuerst aus den Kehlen, dann auch aus der Brust und einige erreichen sogar den Bauch. Unharmonisch, quer und schief zunächst, fließt es nun zusammen, erdet alle gut im Boden und hebt sie gleichzeitig empor. Schwere und Leichtigkeit, Beständigkeit und Flexibilität. "Und jetzt werdet ganz leise und fein und spürt weit, weit zurück in euch hinein." Dieser hauchzarte Babychor aus lange vergessenen Lauten rührt auch uns tief an. "Ok, und kommt wieder hoch ins Hier-und-Jetzt." Harald: "Mit meiner Stimme habe ich sonst ziemliche Schwierigkeiten. Ohne euch hier hätte ich mich das nicht getraut." Das Ablegen der alten Identität und die Herstellung einer neuen sind keine leichten Aufgaben, und nur selten schafft "mann" es im Alleingang. In dieser schwierigen Übergangszeit hat man einen Jungen in der Vergangenheit kaum jemals sich selbst überlassen. Traditionelle Kulturen in aller Welt haben Methoden entwickelt, um den Übergang zum Mannsein zu dramatisieren, zu ritualisieren und in ein gemeinschaftliches Ereignis zu verwandeln. Dramatisch und emphatisch hat der Junge dann die Verletzlichkeit der Kindheit zurückgewiesen, indem er die Härte und den Widerstand aufgebracht hat, die zum Männerdasein gehören. In seinen Augen und in denen seiner Gemeinschaft hat er bewiesen, daß man ihn als gereiften Mann zu achten hat. Vielleicht können wir aus diesem primitiven Übergangsritual etwas lernen. Auch wenn die Einzelheiten barbarisch klingen, die zugrundeliegende Struktur des Rituals erscheint vielen beneidenswert. Markus: "Blut, Schweiß und Tränen, wie es so schön heißt, ein paar Tage im Dreck, ein paar Schnitte, rauf in die Berge oder rin innen Dschungel, aber dann weißt Du´s. Du bist ein Mann, und jeder weiß, daß du´s bist, und fertig. Und was hab´ ich? Jederzeit kann ich meinen Job verlieren und vorbei ist´s mit der Männlichkeit, arbeitslos, du bist nicht gut genug, nicht aggressiv genug, packst es nicht, bist kein Mann. Geld regiert die Welt, jeden Tag aufs neue. Jeden Tag neu kämpfen um Existenz und Anerkennung." Aber bald läuten doch die Glocken ins zweite Jahrtausend, wo sind wir denn?! Warum überhaupt Männlichkeit unter Beweis stellen? Gesellschaft und Wirtschaft der Moderne haben sich doch über das Bedürfnis nach überkommenen Übergangsriten hinausentwickelt. Ein Mann muß nicht lernen, große körperliche Pein zu ertragen, um seinen Computer zu bedienen oder die Versicherungsprämie zu bezahlen. Dennoch sehnen sich viele Männer heute danach, sich auf allerunterster Ebene als Mann zu beweisen. Die inneren Bedürfnisse heutiger Männer konnten kaum Schritt halten mit der Befreiung von Geschlechterrollen, mit einer computerisierten Wirtschaft und Atomwaffen. Es gibt sie, die Kluft zwischen zukunftsorientierter Befreiung und rückwärtsorientierter Psyche, die heikle Beziehung zwischen einer vielschichtigen Moderne und einem grundlegenderen, archaischen Erbe. Wie bringt ein moderner Mann in einer geschlechtlich gleichgeschalteteten Welt seine gereift-männliche Identität zum Ausdruck? Antworten darauf sind alleine kaum befriedigend zu erlangen. In den Gruppen werden sie immer wieder tastend und behutsam erforscht, aggressiv wie Profiboxer ausgefightet, manchmal befriedigt, manchmal resigniert "so stehen gelassen", denn das weitreichende Spektrum persönlicher Erfahrung schließt endgültige Ergebnisse aus, vor allem in einer pluralistischen Kultur. Aber die Teilnehmer erkennen, daß auch andere zwischen archaischen Männlichkeitsbildern und heutigen Realitäten, die der Verwirklichung dieser Bilder im Wege stehen, gefangen sind. Diese Einsicht hilft, individuelle Schuldgefühle abzulegen. Die Widersprüche betreffen uns alle, nicht nur einzelne Männer. Unsere Probleme sind auch situationsbedingt und generell in der heutigen Kultur verankert. Haben wir das intellektuell und emotional begriffen, können wir Selbstzweifel besser bearbeiten und versuchen, das Moderne mit dem Archaischen zu verbinden. Warum aber auch noch den Körper in Männergruppen einbringen? Eine zentrale Rolle spielt sicherlich das emotionale Erlebnis, wenn Hemmungen fallen oder aussichtslos erscheinende Konfliktlagen mit Hilfe der Gruppe neu gesichtet werden. Kognitives Erfassen allein reicht jedoch nicht aus, aber gerade aus dem vielschichtigen, bei uns vor allem auch körperlichen Gruppenerlebnis schöpft der Teilnehmer neue Möglichkeiten. Seit etwa 1920 entwickelte Wilhelm Reich auf der Grundlage der Charakteranalyse die Vegetotherapie. Er erkannte das komplexe System der Muskelverspannungen als Schutzpanzerung. Der Muskelpanzer war für ihn der sichtbare Ausdruck der Neurosen, das körperliche Gegenstück zur seelischen Störung. Deshalb verließ er den distanzierten Sessel hinter der Couch und arbeitete mit Berührung und Bewegung. (Von Freud heißt es, er habe sich dorthin gesetzt, weil er es nicht ertrug, seinen Patienten in die Augen zu schauen.) Alexander Lowen stellte mit seiner Bioenergetik die Körperpsychotherapie "auf die Beine". Er fügte theoretisch und praktisch das Konzept der "Erdung" hinzu, John Pierrakos den spirituellen Aspekt, Gerda Boyesen die Psychoperistaltik und David Boadella den embryonalen Ansatz seiner Biosynthese-Therapie. Der Muskel-, Gewebe- und Hirnpanzer hat unzählige Formen und Gesichter. Hinter Sonnyboy, Joe Cool, Herrn Intellektuell oder Rambo, lauert oft der Schatten aus Selbstmitleid, Schuldgefühlen, Passivität, Illusionen, aus Selbstbetäubung, Machtgier, Aggression oder Selbsthaß. Der Schutzwall äußert sich vor allem in Verspannungen, in erschlaffter oder harter Muskulatur, in der Besonderheit unseres Knochenbaues, in Magersucht oder Fettleibigkeit, in Flüssigkeitsfülle oder Trockenheit der Gewebe, kurz, als Störungen im Körper. Die Energie fließt nur noch stockend, die Pulsation ist schwach. Kreative Energie, spontane Lebenskraft und Freude, Liebe und Triebe treiben nur noch verkümmernde Keime oder wuchernde, letztlich aber schale Ersatzbefriedigungen. Um den Schutzwall aufzugeben, brauchen wir die Liebe und Anerkennung von Menschen, die uns so annehmen, wie wir sind, aber auch ihren selbstbewußten Widerstand gegen die teils maßlosen, teils so trickreichen Forderungen unserer Neurosen setzen. Gerade Männer suchen immer wieder das Erlebnis des liebevollen anderen Mannes/Vaters/Therapeuten, der sie einerseits schützend in die Arme nimmt, mit dem sie sich anderseits aber auch prügeln können, ohne vernichtet zu werden. Das Sosein braucht Selbstbewußtsein und Vertrauen, das auf dem Boden von Anerkennung und Liebe durch andere selbstbewußte, nicht-rigide Menschen wächst. Eine vertrauenswürdige Beziehung ermutigt uns zu überprüfen, ob der Schutzwall heute noch nötig ist.

30. Treffen. Manfred: "Ich hätte nie geglaubt, das ich vor anderen Männern weinen oder schreien oder jammern könnte. Das ging bisher nur mit Frauen, wenn überhaupt. In letzter Zeit spüre ich meine Füße mehr, mein Kontakt zur Erde ist besser geworden, das gefällt mir."

Uns gefällt das auch.

 

 

Körperorientierte Selbsterfahrung in einer Jahresgruppe. Wir arbeiten mit Methoden der Körperpsychotherapie (Biosynthese, Biodynamik, Bioenergetik) und Tiefenpsychologie, unter Einbeziehung von Elementen der Tanz-, Musik-, Gestalt- und Gesprächstherapie. Die freie, aber dennoch strukturierte Interaktion ist ein wesentliches Settingmoment.

Die Gruppen bestehen aus 10-14 Personen, die sich regelmäßig einmal pro Woche für zwei Stunden treffen. Hinzu kommen zwei mehrtägige Workshops pro Jahr. Gruppen in Berlin, Freiburg, Basel und Zürich. Fragen Sie nach den Terminen.

 


Bernhard Maul arbeitet als Körperpsychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis mit Einzelnen, Paaren, gemischten und Männergruppen in Freiburg und Basel. Er lernte die Somatische Psychotherapie Biosynthese bei David Boadella und war Initiator und zehn Jahre lang Mitherausgeber der deutschen Ausgabe von "Energie & Charakter", Zeitschrift für Biosynthese und Somatische Psychotherapie. Außerdem ist er Hrsg. von "Körper-Psycho-Therapie oder die Kunst der Begegnung", einem Überblick über die Körperpsychotherapie in Europa (in gleicher Ausstattung auch in englisch) und Übersetzer von Fachartikeln und -büchern der Psychotherapie.