Energie & Charakter, Zeitschr. f. Biosynthese und Somatische Psychotherapie, hrsg.v. David Boadella & Bernhard Maul, Bd.12, Berlin 1995

 

Narzißmus

Körperpsychotherapie zwischen Beziehungs- und Energiearbeit; 2. Kongreß für Integrative Biodynamik

 

von Bernhard Maul, Berlin

 

Nach dem ersten Kongreß des Vereins für Integrative Biodynamik in der UFA-Fabrik vor zwei Jahren nun der zweite zu Pfingsten 1995 weit draußen im „Spielwerk“ in Berlin-Zehlendorf zum schwierigen Thema „Narzißmus“.

Im folgenden die Kernthesen einiger Vorträge:

Im Mythos ist Narzissus ein Jüngling von begehrenswerter Schönheit, der die Liebe der Nymphe Echo verschmäht. Er sieht sein Spiegelbild im Wasser und verliebt sich in sein Abbild. Er ist so darauf fixiert, daß er die Quelle nicht verlassen kann und vor Schwäche zugrunde geht. Sein Leib verwandelt sich in die Blume Narzisse. Der Vorsitzende des VIB, Manfred Thielen, definierte in seinem Einführungsvortrag narzißtische Menschen als solche, die „zu tiefen befriedigenden Beziehungen nicht in der Lage sind, zwischen Grandiosität und Minderwertigkeit schwanken, sich leer, sinnlos, dumpf und depressiv fühlen und sehr kränkbar sind.“ Der Narzißt lebt für sein Image, ist süchtig nach Bewunderung und Anerkennung, leidet an einer Entleerung des Ichs und orientiert sich am äußeren Schein. In diesem Sinne, so Thielen, sei unsere spätkapitalistische Gesellschaft sicherlich narzißtisch. Der äußere Schein, der Erfolg, der äußere Glanz, das Image seien wichtiger als innere Werte, tiefe Zufriedenheit und Mit-sich-eins-sein. Macht-, Status- und Konsumsymbole hätten einen höheren Stellenwert als ein reiches psychisches Leben und befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen.

Thielen: „Narzißtische Ausnutzungsverhältnisse sind gang und gäbe: ich liebe oder schätze den Anderen nicht um seiner selbst willen, sondern wegen meines Vorteils. Insofern kann man die These aufstellen, daß unsere Gesellschaft narzißtische Lebensstile fördere und verstärke. Daher hat auch die Häufigkeit von narzißtischen Problemen in der Psychotherapie in den letzten Jahren deutlich zugenommen“.

In der psychoanalytischen, jungianischen und auch körperpsychotherapeutischen Literatur (Lowen, Johnson u.a.)  werden die Ursachen in der frühen Kindheit gesucht. Johnson z.B. spricht in Übereinstimmung mit der Objektbeziehungstheorie von der Wiederannäherungsphase an die Realität, der Zeit vom 15.-24. Lebensmonat als Beginn der Störung. Thielen: „Wenn von den Eltern, insbesondere der Mutter, diese Wiederannäherungsphase, die mit adäquaten Frustrationen des Kindes verbunden ist, selbst narzißtisch besetzt ist, d.h. das Kind Anforderungen ausgesetzt wird, etwas besonders zu sein, die Grandiosität, Idealisierung und Grenzenlosigkeit unterstützt wird, kommt es zu starken narzißtischen Störungen.“ Das Kind erhalte durch seine primären Bezugspersonen Botschaften wie: „Sei nicht, wer du bist, sei der, den ich brauche. Der du bist, enttäuscht mich, bedroht mich, ärgert mich, überreizt mich. Sei, was ich will, und ich werde dich lieben!“

Thielen setzt diesem Konzept der frühkindlichen Entwicklung, das noch auf der Triebtheorie Freuds und der Entwicklungspsychologie Margret Mahlers basiert, allerdings die Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung entgegen, die dieses Konzept radikal in Frage stellt, bzw. empirisch widerlegt. Nach Stern, Dornes u.a. gibt es nicht den passiven, undifferenzierten Säugling, der mit einem Reizschutz versehen ist, im Lustprinzip lebt und von seinen Es-Trieben geleitet wird, wie Freud annahm. Der Säugling ist vielmehr von Anfang an ein differenziertes Wesen, das aktiv Kontakt und Beziehung zu seiner Umwelt aufnimmt. Nach Stern gibt es keine reine Es-Phase der Entwicklung, sondern immer nur die Dialektik von Lust- und Realitätsprinzip, wobei den sog. Ich-Funktionen eine viel größere Rolle zukommt, als man bisher annahm.

Thielen: „Wenn es die Symbiosephase, die Separation und Individuation des Babys in der von Mahler beschriebenen Form nicht gibt, wie ist dann die Genese der narzißtischen Entwicklung zu erklären?“ Implizit sei damit ja auch der Grundpfeiler von Psychoanalyse und Reichianischer Theorie, die Triebtheorie, in Frage gestellt. In Übereinstimmung mit Stern müsse man sich vom Ansatz eines ursprünglichen und primären Traumas, das einen bestimmten psychischen Defekt zur Folge habe, lösen. Sicherlich handele es sich bei narzißtischen Störungen im engeren Sinne um Frühstörungen mit stark verzerrter Mutter-Kind-Interaktion. Doch damit sei die Störung nicht abgeschlossen, bzw. das Charaktermerkmal besiegelt, sondern die Grundproblematik tauche in den späteren Lebenslinien wieder auf und werde entsprechend verstärkt, abgeschwächt und verändert. Sie sei wahrscheinlich einem ständigen Prozeß unterworfen, wobei der Grundkonflikt in verschiedenen Lebensphasen verschiedene Ausprägungen erhalte. Demnach könne es durchaus möglich sein, daß sich eine narzißtische Störung erst zu einem späteren Zeitpunkt, z.B. in der Adoleszenz manifest herausbilde. Lowen glaube zu Recht nicht an Freuds Konzept des primären Narzißmus, als Zustand des Säuglings, in dem er seine libidinösen Strebungen auf sich selbst richte, sondern er betrachte jeden Narzißmus als sekundär, als Folge einer Störung in der Mutter-Kind-Beziehung. Die Eltern hätten nicht nur etwas unterlassen (Defizitmodell), sondern dem Kind aktiv etwas angetan, z.B. Demütigungen. Im Unterschied zu Reich, so Thielen, betont Lowen das Verstehen der narzißtischen Problematik als Schlüssel der Therapie. Die Übertragungsbeziehung stehe allerdings nicht im Vordergrund, obwohl Lowen damit arbeite, aber versuche, sie in der konkreten Situation wieder aufzulösen. Der energetische Aspekt, die Arbeit mit dem Körper, sei vorrangig, wobei die deutliche Gefahr bestehe, daß der Beziehungsaspekt zu kurz komme und die Körperarbeit zu stark von der Beziehungsarbeit getrennt werde.

Thielen: „Für uns als Biodynamiker spielt in der therapeutischen Arbeit mit narzißtischen Menschen m.E. die biodynamische Massage eine besondere Rolle“, was aber auch das verwurzelte Gespräch, Begegnungs- und Übertragungsarbeit, biodramatische Rollenspiele u.a. einschließe. Wichtig sei vor allen Dinge die untrennbare Dialektik von Beziehungs- und energetischer Körperarbeit, damit sich Idealbild und Realbild des Narzißten immer mehr annähern. Aus seiner Erfahrung seien Frühstörungen, speziell narzißtische Störungen einer Körperpsychotherapie gut zugänglich. Thielen: „Ich bin der Überzeugung, daß die Körperpsychotherapie über vielfältigere Möglichkeiten als herkömmliche Psychotherapierichtungen verfügt, um mit frühgestörten Klienten erfolgreich zu arbeiten.“

 

Joachim G.Vieregge, München, erklärte den narzißtischen Charakter als romantischen Charakter, wobei er als Leitfaden Gedichte von Eichendorff nahm und mit dem Wesen und der Kulturgeschichte der Romantik verknüpfte. Zentral sei dort z.B. das Euphoriethema, d.h. der Aufbruch von Zuhause in die Weite, in die Ferne, ohne Rücksicht, ohne ein Ziel zu kennen, ohne ein Ende, allein um des Reisens und des Wegkommens willen. Diese Sehnsucht sei nicht so sehr bestimmt vom Inhalt der Freiheit, sondern von der Bewegung an sich. Es gehe hier also nicht darum, ein Ziel anzusteuern, wo etwas realisiert werden müsse, sondern um das Wegfahren, das in-die-Ferne-kommen überhaupt. Vieregge: „Das ist eine Situation, die dem Grundgefühl ähnlich ist, wenn ein kleines Kind sich vom Zuhause ablöst, so wie das Margret Mahler in ihren Untersuchungen beschreibt, wenn ein Kind sich ablöst aus der Symbiose oder dem heimatlichen Hafen und etwas erlebt, wie diese Entdeckerfreude... Dabei kommt es auch nicht so sehr darauf an, was entdeckt wird, sondern darauf, daß überhaupt die Möglichkeit besteht, sich von einer zu engen Bindung zu emanzipieren“.

Oft bleibe dies jedoch unerreichbar, womit sich unstillbare Sehnsucht einstelle. Der romantische, sprich narzißtische, Charakter stehe deshalb am Fenster, an der Schwelle, an der Tür, am Waldrand... beliebte Themen in der Literatur der Romantik. Dies seien Übergangsräume. Hier halte sich der romantische Charakter mit Vorliebe auf. Er bewege sich in einem Übergangsraum zwischen etwas hinter ihm liegendem, dem vertrauten Zuhause, der alten Heimat, der vergangenen Jahreszeit usw. und dem vor ihm liegenden, Verheißungsvollen, einer weiten offen Landschaft, einer neuen Beziehung, einem neuen Beruf. Aber anstatt nun weiterzugehen, bleibe er in diesem Zwischenraum, Übergangsraum und verharre in der Sehnsucht, in den Möglichkeiten. Der Begriff „Übergangsraum“ stamme tatsächlich nicht von den Romantikern, sondern vom Kinderpsychotherapeuten Winnicott. Er bezeichne eine heikle Phase, die ein kleines Kind durchmache, wenn es sich ablöse von der Mutterbindung und hinausgehen wolle in die Weite, ob das nun ein anderes Zimmer oder der Garten oder das freie Feld sei.

Vieregge: „Der romantische Charakter hat, so könnte man sagen, nicht genügend Energie oder Willenskraft oder inneres Vertrauen, daß er sich traute, über die Schwelle `Übergangsraum´ hinauszugehen. Dort bleibend, ist er hin und her gerissen. Einerseits kann er nicht mehr zurück in die `alte Heimat´, weil seine Entwicklung ja ins Reiferwerden, ins Älterwerden geht; er kann also nicht mehr zurück in den elterlichen Sicherheitsraum. Andererseits ist der vor ihm liegende Raum (und die entsprechende Zeit) noch so unklar und unstrukturiert, daß er ihm Angst macht mit seiner Fülle...“ Pseudo-Lösungen führten in den Rausch, in das sich-selbst-vergessen, letztlich auch in die Selbstzerstörung oder andererseits in die Zwanghaftigkeit. Sie führten in eine vom äußeren Willen geprägte Lebensform, die, historisch betrachtet, ins Biedermeier, in den Konservativismus und die Restauration einmünde. Zu diesen Lösungen tendiere der romantische Charakter, weil er keine Verbindung zu einem sicheren inneren Willen und Auftrag spüre. Eine weitere Erfahrung des romantischen/narzißtischen Charakters sei die Entfremdung von der Natur und vom Selbst. Das Entfremdungsgefühl werde um die Wende vom 18. zum 19. Jh. erstmals von den Romantikern wahrgenommen, ehe es wenig später von Karl Marx in sozialer, ökonomischer und politischer Tiefe ausgelotet werde.

Interessant hier immer wieder Vieregges Bezüge auf den historischen Hintergrund. Dies machte sicherlich die Besonderheit und Frische seines Vortrages aus. Mit dem Aufkommen der modernen Gesellschaft sei eine neue Erfahrung für den Menschen entstanden, die der Grundangst, Existenzangst und Unsicherheit. Die romantische Bewegung sei die erste Bewegung gewesen, die sich für das Unbewußte interessiert habe. Etliche Romantiker, so Vieregge, waren Protopsychologen, denn die innere Orientierung war verloren gegangen und mußte wiedergefunden werden. Dem romantischen Charakter fehlt diese innere Orientierung, die ihm sicher sagt, was richtig und was falsch ist, was er tun und was er lassen soll. Vieregge: „Es gibt keine verläßliche innere Instanz. Und das ist ein schreckliches Leiden. Wo gehöre ich eigentlich hin? Ich weiß nicht, welcher Partner zu mir paßt oder welcher Beruf, wo ist eigentlich mein Zuhause?“ Der Romantiker kennt viele solcher Unsicherheitseinbrüche in seinem Leben und oft versucht er dann eine Richtungsänderung, einen Partnerwechsel, Berufswechsel, Wohnortwechsel. Energetisch betrachtet, gibt es in ihm ein bestimmtes energetisches Leck. Vieregge vermutet, daß der romantische Charakter bestimmte Gedankenformen von Heimatlosigkeit und Desorientierung mit sich herumschleppt, die sehr viel Energie binden. So kann er nicht wirklich wahrnehmen, wer er wirklich ist, wo er hingehört, was sein „wahres Selbst“ ist. Es könnte also von seinen Eltern oder aus früheren Zeiten übernommene Energiegestalten, d.h. energetisch hochgeladene Gedanken-Gefühls-Muster, in ihm oder in seiner Aura geben, die soviel Energie von seiner Vitalität absaugen, daß er kein klares Körpergefühl und kein klares seelisches „Konzept“ erkennt, das ihm mitteilt, was er eigentlich möchte und wohin er eigentlich will. Positiv gesehen, sei er zu intensiven und differenzierten Wahrnehmungen seines Seelenzustandes fähig. Das sei auch das neue in der Bewußtseinsgeschichte des Menschen und zum ersten Mal in der Romantik geschehen.

 

Helga Krüger-Kirn, Dipl.Psych. aus Marburg, versuchte in ihrem Beitrag „Therapie einer narzißtischen Störung - Balanceakt zwischen gutem und bösen Objekt“, ein integratives Vorgehen vorzustellen, das die Notwendigkeit analytischer Reflexionen in den Vordergrund stellt und betont. Besonders bei narzißtischen Störungen scheine ein analytisch-körpertherapeutischer Ansatz sinnvoll, um die tiefe Diskrepanz zwischen Kopf und Bauch zu überwinden. Anhand der Darstellung eines sechsjährigen Therapieprozesses ging sie besonders auf die Schwerpunkte „Aufbau und Einhaltung von Grenzen, Übertragung und Gegenübertragung; psychosomatische Symptome“ ein. Krüger-Kirn: „Ich halte es hier nicht für sinnvoll, narzißtisch gestörte Patienten mit invasiven körpertherapeutischen Methoden zu konfrontieren, da Sie auf kein gefestigtes und strukturiertes Ich treffen, das sich in der Lage fühlt, sich adäquat damit auseinanderzusetzen bzw. abzugrenzen. Im Gegenteil, es werden dadurch immer weiter Prozesse der Fremdidentifikation unterstützt“. Wie kein andere Referentin dieses Kongresses ging Krüger-Kirn auch auf die negative Übertragung ein. Dies erscheint typisch, da die Biodynamik keine tragenden Konzepte für negative Übertragung anbietet und Krüger-Kirn von der Analyse herkommt, die dies explizit tut.

Es sei weiter wichtig, so Krüger-Kirn, in der Übertragungsbeziehung die abgewehrten Gefühle anzunehmen. Nur über diese Annahme sei ein realistischer Zugang zu früheren Erfahrungen möglich, d.h. abgewehrte Objekt- und Selbstrepräsentanzen könnten sich in der Übertragung wiederbeleben und über die Annahme und spätere Bearbeitung zu einer Integration des Selbst und einer realistischen Wahrnehmung des anderen führen. Krüger-Kirn: „Es ist wichtig, die Gegenübertragungsgefühle nicht zu agieren, d.h. man muß sich bemühen, in der Rolle des Therapeuten zu bleiben. Dies mag in Phasen negativer Übertragung oft besonders schwer gelingen. Denn je heftiger (archaischer) die Übertragungen sind, desto heftiger können auch die Gegenübertragungsgefühle sein. Oft ist es unvermeidlich, die Gefühle zu verbergen, doch halte ich es für wichtig, ehrlich und damit auch abgegrenzt zu sein und keine Schuldgefühle zu machen.“

Eine andere Gefahr in den Phasen der negativen Übertragung sehe sie in der Verführung über das Nachgeben und Einlassen auf die Forderungen des Patienten wieder auf die Ebene der guten Mutter zu kommen. Neben dem Agieren der eigenen Insuffizienz- und Entwertungsgefühle werde so das falsche Selbst des Patienten genährt. Denn auf einer tieferen Ebene bedeutet dies, den Forderungen des anderen zu entsprechen und nicht bei den eigenen Grenzen und Gefühlen bleiben zu können. Eine fatale Wiederholung für den Patienten und eine verpaßte Chance, in der Therapie neue Formen und Grenzen des Selbst aufzubauen.

Oft stelle man erst in der nachträglichen Reflexion einer Stunde fest, daß man mitagiert habe. Neben der unbedingten Notwendigkeit ggf. an sich selbst zu arbeiten, habe sie die Erfahrung gemacht, daß ein Wiederaufgreifen und Bearbeiten der „mißlungenen Sequenzen“ in den nächsten Stunden große Entwicklungschancen für den Patienten in sich berge.

 

Helmut Josefowicz, Göttingen, berichtete in seinem Vortrag „Der Esel und die Möhre“ von einer Klientin, die er in der Einzeltherapie begleitete, während sie gleichzeitig an einer analytischen Gruppe teilnahm, beides mit einer Frequenz von wöchentlich 1,5 Stunden. Beide Kollegen verständigten sich mit Einverständnis der Klientin über deren Prozeß in größeren, aber regelmäßigen Abständen. Deutlich wurde in dieser Diskussion die Gratwanderung zwischen Nähren und Versagen. In der Therapiegruppe, so der Analytiker, habe man das Gefühl, als wäre sie gar nicht da. Er demonstriere manchmal durch seine Körperhaltung, daß er sich gelangweilt fühle. Es stehe daher sicherlich etwas anderes an als sie zu nähren. Wenn Josefowicz davon erzähle, daß sie gehalten werden wolle und er sie tatsächlich halte, befriedige er ihre Bedürfnisse auf einer frühen Bedürfnisstufe und fixiere sie dort. Den Schmerz, genau das nicht erhalten und eigentlich unbefriedigt geblieben zu sein, lasse Josefowicz nicht zu.

Josefowicz hält dagegen, daß sich nach einer Zeit des Haltens von innen heraus Ausdehnungsbewegungen entwickelt hätten, die Klientin aggressiv wurde, ihre Muskeln benutzt habe und nach außen zu schlagen und zu kämpfen. Er sei der Ansicht, daß dies, indem er zuwarte und sie darin unterstütze, ihre Impulse zu fühlen und auszudrücken, ihre Grenzen aufbaue und so sie selbst werde könne.

Der Kollege Analytiker: „Sie braucht deutlicheren Kontakt, um sich weiterzuentwickeln. Unter Umständen muß man von sich aus auch schroff mit ihr umgehen, damit sie einen anderen überhaupt spürt. Erst dann kann sie reifen“. Er wirft dem Körperpsychotherapeuten indirekt vor, daß die Körperarbeit, also das körperliche Agieren, ihre Abwehr eher verstärke. Würde man sie zwingen, den Körper außen vor zu lassen und sich sprachlich zu äußern, würde sie nicht mehr aus der Abwehr agieren können. Kollege Analytiker: „Sie hat doch nun schon im Schoß von jemandem gelegen und wurde gehalten, warum ist sie dann immer noch so. In der Analyse wird stets darauf gebaut, daß ein Reifeschritt erfolgt, wenn die Spannung zwischen Wirklichkeit und Bedürfnis groß genug ist. Du verhinderst das!"

Josefowicz: "Du läßt außer acht, welche aktive Rolle ein eigenständiger Organismus dabei übernimmt, zu wachsen und welches Interesse er bei entsprechender Begleitung hat, weiterzuwachsen. Sie klammert sich nicht an diese libidinöse Stufe aus Trägheit etc., sondern aus Angst. Die bearbeite ich. Zuviel Frustration erhöht die Angst, zuviel Angst läßt die Abwehr steigen.“

Kollege A: „Gibst du den Klienten, was sie brauchen, bleiben sie in ihrer Entwicklung stehen“.

Dies, so machte Josefowicz deutlich, sind natürlich nur grobe Verkürzungen eines über lange Zeit geführten und immer noch nicht abgeschlossenen fruchtbaren Dialoges über die beiden Seiten von Therapie, Nähren und Frustration. Die vorläufigen Folgerungen aus diesem Prozeß sind, so Josefowicz: „Ich muß eine `Ausreichend-gute-Mutter´ sein, ohne mich auf diese Rolle festlegen zu lassen! Und erst dann - und das braucht Zeit - hat sie eine Chance, Frustration auch als Entwicklungsanreiz zu empfinden. Jetzt werden Frustration oder Konfrontation erst produktiv. Nähren und frustrieren sind keine Alternative, sondern eine Frage der Dosierung in der richtigen Weise zur rechten Zeit“.

 

Siggi Bach, Witten, betonte in seinem Vortrag über „Narzissmus im Licht der Biodynamik“, daß sich um die senso-motorischen Aktivitäten des Kleinkindes die ersten Ich-Kerne herausbilden. Sie benötigen eine dauerhafte Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf ein äußeres Objekt und auf die mehr und mehr lernende willentlich betätigte Motorik. Solange die Aufmerksamkeit auf die Auseinandersetzung mit einem Objekt gehalten werden kann, erlebt das Kind, so Bach, eine gewisse Kontinuität seiner selbst und der Außenwelt. Unter solchen stabilen Systembedingungen beginnt es, Objekte zu begreifen, zu erspielen, nachzuvollziehen, in einen Minikomplex zu inkorporieren und dann in eine psychische abstrakte Repräsentanz einzubinden. Die Zustände innerer und äußerer Kontinuität sind dabei extrem wichtig und erstrebenswert. Sie gewähren den Eindruck von Sicherheit und Existenz, einem Ruhen im Bekannten, im Guten.

Bach: „Dagegen kann in neuen, instabilen und chaotisch erlebten Situationen unvorhersehbar Böses drohen und mehr oder weniger Furcht auslösen. Wiederum gilt auch auf dieser Systemhierarchie das autopoietische Grundgesetz aller Systeme bis hinunter in die Physik wie ein Naturgesetz, daß nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit hohen, stabilen Subsystemen der qualitative Sprung in sich selbst erhaltende Suprasysteme mit höherer Komplexität gelingt“. Ein ganz entscheidender Durchbruch beginnt, wenn die kognitiven Repräsentationen in der Phantasie willentlich bewegt und spielerisch betätigt werden können. Die Aufmerksamkeit wendet sich nun auch inneren Gestalten zu und lernt, sie mehr und mehr beliebig frei zu bewegen. Es kommt zu Probehandlungen in der Imagination. In ihr können Figuren beliebig mit Attributen ausgestattet, Bedürfnisse schwelgerisch erfühlt, innere Szenen wunschgemäß erzeugt, aber auch abgebrochen werden.

Diese inneren Szenen aktivieren entsprechende Komplexe mit echten, wahrnehmbaren Gefühlsreaktionen, schauernder Erregung, alptraumartigen Ängsten, erkennender Freude, tiefer Trauer und Wellen des Zorns. Sie wirken zurück bis in den zellularen Raum und in die biochemische Kommunikation. Bach: „Hier beginnt für mich der primäre Narzissmus als ein natürlicher, spannender Entwicklungsbeginn einer neuen Qualität, die in jedem System mit heftigen Krisen und  unvorhersehbaren Wendungen verläuft. Ein Schwanken zwischen innerer Grandiosität und nie gekannten heftigsten Empfindungen, der Entdeckung wirklicher Allmacht - jeder war hier derzeit ein Schöpfer einer eigenen Welt, ein Gott seiner Phantasie - ist dies auch ein Archetypus?“

Je weiter sich die Idealisationen allerdings von der Wirklichkeit entfernen, desto tiefer ist der Absturz, wenn die Realität die Phantasien widerlegt. Zudem gilt: je weniger gute Erinnerungen vorliegen, desto wichtiger und größer sind die Idealisationen. Die Dramatik liegt, so Bach, weniger in dem schmerzlichen Verlust einer guten Idee, als vielmehr in dem „abrupten Abbruch der Identität, der wie ein Sterben empfunden wird“.

Die Kollision von Phantasie und Wirklichkeit kann höchst dramatisch verlaufen. Es liegt mit am evolutionären Erbe der affektiv-kortikalen Hemmung, daß es so schwer ist, Frustrationen und Konflikte zu verarbeiten. Solange wir hoch geladen sind, können wir ihre thematischen Inhalte kognitiv nicht reflektieren und ausdifferenzieren und kehren so immer wieder mit gleicher Wucht zurück und bleiben schließlich auf einem primitiven Niveau - wenn ihnen keiner aus diesem Kreislauf heraushilft. Erträgliche Begegnungen mit der Wirklichkeit, in denen die Frustrationen notwendiger Grenzen auf- oder abgefangen werden, sind die Basis der Realitätsprüfung, der Unterscheidung und des Wissens um die Grenzen zwischen Phantasie, Fiktion und Wirklichkeit. Sie allein ermöglichen angepaßte Regelkreise im sozialen Raum, eine Chance für weiteres Wachstum und Befriedigung unterliegender Bedürfnisse.

Bach: „Wenn das kognitive Selbst aber vor lauter Absturzgefahr alle Korrekturen vermeidet, aus totalem Schutz der Kontinuität - Homöostase - seine Flexibilität und Fähigkeit zur Veränderung verliert, droht die Gefahr, wichtige neue Entwicklungsschritte zu verpassen. Wieder ein negativer Feedback-Kreislauf, denn je primitiver die Einstellungs-Differenzierungen bleiben, desto mehr Probleme gibt es schließlich in sozialen Zyklen, die dann auch schmerzlich, aber tröstlicherweise regelmäßig alte Wunden immer aufkochen, was genauso regelmäßig eine Integration und Verdauung eben der schwierigen Situationen verhindert.“

Ihm sei auf diesem Kongreß klar geworden, so Siggi Bach, daß der Narzissmus und seine Erscheinungsbilder nicht allein für ihn (und an ihm) so schwer zu fassen ist, sondern daß es anderen ganz ähnlich geht. Vor allem versage hier die sonst so zuverlässige Körperdiagnostik. Narzissten seien weder nur blaß noch nur braun gebrannt oder nur hyperaktiv, sie  können alles sein. In der Beziehungsdynamik entfalten sie ebenfalls kein einheitliches Bild. Wer könne schon unterscheiden, ob er wirklich vom anderen gemeint sei oder gerade nur von einem narzisstischen Stabilisierungsversuch mißbraucht werde. Der Narzißt könne depressiv sein oder manisch, introvertiert oder extrem expressiv. Die narzisstische Charakteristik des bunten, flexiblen, jede seine wahren wunden Punkte berührende Strategie im Vorfeld ahnenden und die blinden Flecken eines jeden Therapeuten nutzenden Menschen, reagierend aufgrund äußerst intelligenter schneller Kognitionen, verhindere gewohnte Behandlungsmethoden, sie griffen einfach nicht.

In der biodynamischen Therapie werde immer bewußt mit der positiven Übertragung gearbeitet, man sei bemüht, immer einen guten, sicheren, respektvollen Beziehungsmodus anzusprechen. Idealisierungen würden benutzt, um einen Zugang zu finden und Vertrauen für die anstehende tiefe Arbeit aufzubauen. Bach: „Ich halte nichts davon, daß erst immer die negativen Projektionen herausgearbeitet werden müssen, bevor wir den Freundlichkeiten des Klienten trauen können. Der Klient ist schon frustriert genug in seinem Leben, wir brauchen ihn nicht noch ständig zusätzlich provozieren. Zudem habe ich wenig Zuversicht über eine eindringende konfrontierende Begegnung reale Beziehung aufbauen zu können. Es hat wirklich wenig Sinn, sich auf das `Minenfeld´ des Narzissten einzulassen oder gar Übertragungsanalyse zu betreiben - das kann schon mal heftig ins Auge gehen. Wir wollen ja auch keinen Krieg mit dem Klienten, sondern versuchen, ihm in seiner immer unterliegenden Not zu begegnen“.

 

Sabine Stehle und Senta Körber verwiesen in ihrem interessanten allerdings nicht spezifisch auf die narzisstische Problematik eingehenden Vortrag „Körperpsychotherapie aus der Sicht ehemaliger KlientInnen - Zentrale Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über Integrative Biodynamik“ daß die von ihnen interviewten KlientInnen den Facettenreichtum an körpertherapeutischen Interventionsmöglichkeiten positiv gewertet hätten, allerdings könne sich dies, insbesondere bei Menschen mit narzisstischer Problematik auch als „Methodenfalle“ erweisen. Die generelle „Anpassungsfähigkeit“ von Narzissten, deren häufig „seismographisches Gespür“ für die Wünsche des Therapeuten, verbunden mit dem Anspruch, ein „guter Klient“ zu sein, dem mangelnden Vermögen „Nein“ zu sagen, und damit eigene Grenzen zu signalisieren, sowie die Angst vor Ablehnung, begünstigten ein „bloßes Ausagieren“, ein „Exerzieren“ von Übungen und verschleierten damit oft das eigentliche Problem.

So reflektierte bspw. eine Interviewpartnerin: „...oft fühlte ich mich überrumpelt und habe gedacht, das paßt jetzt nicht, das will ich jetzt nicht... Gedrillt wie ich immer war, wenn ich den Wunsch von jemandem spürte, dann mache ich schon mit, ich bin immer brav aufgestanden.“ Eine andere Klientin schilderte, wie sie körperzentrierte Interventionen häufig durch eine nur scheinbare Teilnahme boykottierte. Die kurzfristige Wirkung emotionaler Ausdrucksarbeit, so Stehle und Körber, die sich im unmittelbaren Erleben wie Energetisierung, Glücksgefühlen, dem Spüren eigener Kraft und Lebendigkeit, dem Gewahrwerden von innerer Ruhe usf. zeige, sei zu unterscheiden von überdauernden langfristigen Veränderungen. Wie die Interviewerzählungen deutlich gemacht hätten, bedürfe es hierzu korrigierender neuer Erfahrungen, die nur im Rahmen einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung möglich seien. Entscheidend sei eine Integration dieser Prozesse auf emotionaler, kognitiver und verhaltensmäßiger Ebene.

Ihre empirischen Ergebnisse hätten gezeigt, daß der Einbezug des Körpers in den therapeutischen Prozeß, insbesondere bei der Arbeit mit „frühen Störungen“ (im weitesten Sinne), Chancen und Möglichkeiten der Heilung böte. Stehle/Körber: „Die Thematisierung und Nachvollziehbarkeit des therapeutischen Geschehens, ein wohldosierter und behutsamer Einsatz körperzentrierter Interventionen, sowie eine verbale und kognitive Aufarbeitung der Prozesse, ist dabei jedoch dringend erforderlich“.

 

„Im narzisstischen Minenfeld“ geht Ulrich Sollmann bei seiner Arbeit mit den entsprechenden Patienten, worüber er in seinem äußerst spannenden Vortrag berichtete. Der Bioenergetiker aus Bochum stellte in großen Teilen die Narzissmustheorie von Alexander Lowen dar, erweitert durch eigene Erfahrungen und Forschungen.

Sollmann will u.a. das Interesse an einigen bislang weniger beachteten Aspekten der narzisstischen Persönlichkeit wecken, wie z.B. Scham und Demütigung, Verrat und narzisstische Wut, Grandiosität und Nischensuche als Strategie der Selbstsabotage, sowie die lebenslangen Schatten des Grauenlandes und die lauernde Vernichtung im narzisstischen Minenfeld.

Wenn jemand nicht zwischen dem Bild dessen unterscheiden kann, für den er sich hält und dem Bild dessen, wer er wirklich ist, lebt er in der Welt (s)eines idealisierten Selbst-Bildes. Er spürt sich nicht und ist bemüht (geheime) Botschaften und Aufträge zu erfüllen. Die damit verbundene Scham, sich nicht als genügend zu erleben, verkehrt sich, so Sollmann, über Verleugnung, Spaltung u.a. in Prozesse der Entwertung und Verachtung, in eine Lebenshaltung, die nicht beschädigt werden darf. Lowen glaube nicht an das Konzept des primären Narzissmus und die Vorstellung vom Mangel in der normalen Entwicklung des kleinen Kindes, der diese blockiere. Er mache die Verzerrung der Entwicklung, die manipulative Verführung und die Ausübung von Macht durch die Eltern für das Entstehen der narzisstischen Störung verantwortlich. Der Mangel an emotionaler Nahrung und Anerkennung verschlimmere die Verzerrung, aber es sei die Verzerrung, die die narzisstische Störung hervorbringe. Diese Verzerrung kindlicher Entwicklung, diese defizitäre, aber oft auch unspektakulär verlaufende Prägung, mache Kinder anfällig für unbewußte elterliche, familiäre Botschaften. Sie könnten diesen nicht entkommen und übernähmen sie lange, bevor sie die Welt sprachlich-symbolisch erfassen und unterscheiden. Sollmann: „Lebensgestaltung wird somit zur Auftragserfüllung, ohne daß zwischen dem anderen und dem eigenen Selbst unterschieden werden kann. Nicht selten hängt dabei dem Narzissten entweder ein Hauch von Unwirklichkeit oder von geradezu betörender Lebenstauglichkeit an. Der Narzisst ist mit seinem idealisierten Selbstbild identifiziert und macht es als Image zum Mittel seines Willens. Einfach perfekt! Einfach beschämend!“

Ein zentraler narzisstischer Wirkstoff ist die Scham. Diese beruht darauf, sich selbst der Liebe anzubieten und als liebensunwert verstoßen zu empfinden, sich als nicht der Liebe und damit der wesentlichsten Achtung würdig zu wissen. Man wird dabei nicht gesehen, fühlt sich in seiner Individualität unsichtbar, des Respekts beraubt. Dieser Abgrund des Liebesunwertes stellt eine solche Tiefe von wortloser und bildloser Verzweifelung dar, daß jegliche begrenztere Scham als willkommene Beschützerin erscheinen muß. Der Grundfehler, für den man sich letztendlich schämt, ist daher diese schmerzliche Wunde: Ich bin nicht geliebt worden, weil ich im Kern nicht geliebt werden kann - und ich werde nie geliebt werden.

Scham verdecke und verhülle Schwäche, schütze ein integrales Selbstbild, entstehe in der Nichterfüllung von eigenen Idealen. Schamgefühl trete auf, wenn eine moralische Verfehlung nach außen sichtbar werde oder sichtbar zu werden drohe. Es gäbe keine Möglichkeit, sich selbst vom Schamgefühl zu entlasten. Scham sei für den von ihr Betroffenen nicht verhandelbar. Das Ziel der Scham sei das Verschwinden: dies könne am einfachsten durch das Verstecken geschehen, am radikalsten durch die Auflösung im Selbstmord... am archaischsten durch die Erstarrung in völliger Lähmung...  am häufigsten durch das Vergessen von Teilen des eigenen Lebens und des eigenen Selbsts.

Sollmann: „Die narzisstische Kränkung, die tiefe Demütigung, die Scham vor sich selbst und die Scham, durch einen anderen entdeckt, entlarvt worden zu sein ... drängen gerade nach einer wohlwollenden therapeutischen Bearbeitung, die aber nicht in eine Vermeidung der Brisanz, der Explosivität und Selbst-Gefährdung münden darf. Wohlwollende therapeutische Bearbeitung befaßt sich gerade mit der entlarvenden Schärfe von Scham, mit der vernichtenden, mörderischen Qualität von narzisstischer Wut. Erst hierdurch kann sich der Klient in der Tiefe seiner Problematik verstanden erleben. Erst hierdurch übt er sich im Beisein des `guten Anderen´ des Therapeuten in der grenzenlosen, ängstigenden Verunsicherung einer nie erlebten Begegnung, die allein die Hoffnung auf eine Beziehung nähren kann“.

Könne der Therapeut dies sichern, dies aushalten, sich selbst aushalten, sich in einen Prozeß möglicher Vernichtung begegnen, wirke er für den Klienten authentisch und glaubwürdig. Dieser erlebe sich in der Realität all seiner Reaktionen gehalten, da vom Therapeuten gesehen.

Die therapeutische Beziehung gleiche somit einem „ narzisstischen Minenfeld“, das nicht umgangen, nicht geleugnet, nicht vorzeitig durch Übertragungsverstehen oder ein primär nachnährendes therapeutisches Setting entschärft werden dürfe. Sich in diesem Minenfeld bewegen, sich gemeinsam entwickeln zu können, stelle einen unverzichtbaren Bestandteil der Therapie narzisstischer Störungen dar. Sich bewußt in verunsichernde Prozesse einzulassen und diese als offenes (Irritations-) System zu verstehen lade zu einem Umdenken ein. Therapeutisches Bemühen ziele dann nicht auf die Integration ab, sondern bewußt auf die Labilisierung, die Verunsicherung, die Öffnung des narzisstischen Systems i.S. einer wohlwollenden Irritation.

Liege hier nicht gleichzeitig auch ein Kern körperpsychotherapeutischen Umdenkens? Folge man den hirnphysiologischen Strukturierungsmustern, so stelle man eher eine Tendenz zum labilen Gleichgewicht fest. Also nun doch Irritation statt Integration!? Also doch multiregionale synchrone Erregung und Aktivierung als das Besondere oder Mobilisierung der Energie? Das narzisstische Minenfeld sei die unheimliche Erlebens- und Beziehungswelt, „wo mir unbekannte Gesetze walten, wo die Gefahren und die Chancen liegen. Die Gefahr einer erneuten, therapeutisch verursachten narzisstischen Verletzung, die, wie Freud schon sagte, biblisch geahndet wird, nämlich durch die siebenfachen Schläge. Oder die Chance, Kairos zu begegnen, dem Gott des glücklichen Augenblicks, des richtigen Zeitpunktes, den man nur am Schopfe ergreifen muß. Kairos, der die Therapie zu Ende bringen hilft und  Kairos, der die Körperpsychotherapie selbst durch die Erkenntnisse der Chaosforschung bereichert. Sprach ich eben von Irritation, spreche ich jetzt von Flexibilität, die das wichtigste Entwicklungselement offener Systeme darstellt.“

Psychotherapie werde demnach nicht mehr, wie bislang geglaubt, durch die Beziehungsstruktur von therapeutischer Kompetenz und Defizit des Patienten geprägt, sondern durch die Wirkfaktoren von Klärung und Bewältigung.

 

Alles in allem ein sehr interessanter Kongreß, der auf den nächsten 1997 gespannt sein läßt.