"Patienten werden nicht geheilt..."

von
Bernhard Maul, Freiburg/Basel

Dieter, 28 Jahre alt, hatte das Fußballspielen für sich entdeckt. Anfangs gings gut, doch bald schmerzte sein rechter Oberschenkel, die Muskulatur war völlig verspannt. Überanstrengung? Einreiben, massieren, dann sogar Spritzen, nichts half dauerhaft, der Schmerz kam immer wieder.

In einer Sitzung mit Körperpsychotherapie arbeitete er mit Atem, Bewegung und Stimmausdruck an der blockierten Energie des Beins. Er bekam Zugang zu den im schmerzenden Bein gebundenen Gefühlen von Angst, Wut und Trauer und erinnerte sich dabei an Situationen aus der Kindheit, wo er für aggressives Verhalten von seinen strenggläubigen katholischen Eltern bestraft worden. Bis ins Erwachsenenalter hatte der Körper die Botschaft bewahrt: `Vorsicht, nicht treten, nicht schlagen, nicht laut sein, sonst wirst Du nicht geliebt.´ Die Beinmuskulatur (allerdings nicht nur die) geriet in die Konfliktspannung zwischen schlagen wollen und nicht schlagen dürfen. Als der Konflikt ausgedrückt und bewußt wurde, lösten sich Schmerz und Spannung auf und der Spaß mit dem Ball konnte weitergehen. Dieter wurde bei seiner Freizeitmannschaft ein begehrter Rechtsaußen.

Natürlich reichte dazu eine Sitzung nicht aus. Über Jahre entwickelte und oft jahrzehntelang "gepflegte" Konfliktvermeidungsmechanismen verschwinden nicht durch ein Fingerschnippen, vor allem nicht durch das des Therapeuten. Zuviele Menschen, die hilfesuchend bei psychotherapeutischen und vor allem körperorientierten psychotherapeutischen Praxen anklopfen, haben diese Illusion. Die Veränderung leidvoller Verhaltensmuster, die Auflösung von Kreativität und Lebensfreude einzwängenden Masken muß zwar nicht lange und die Krankenkassen horrende Summen kostende Jahre dauern, aber sie gelingt auch nicht bleibend durch einmalige Guru-Wochenenden oder teure Steilkurse, wo der Kopf mal so richtig durchgetrimmt wird.

Aber allzulange dauerte es bei Dieter auch nicht. Der Körper weist Wege, um das wahre Wesen der Person aus den vielen, meist in den Baby- und Kinderjahren aufgebauten Schutzschichten zu befreien. So kann man den gemeinsamen Nenner der körperorientierten Behandlungsformen beschreiben, von denen es in Europa derzeit etwa 50 seriöse Schulen gibt. Alle betrachten den Körper als fleischgewordenen Kronzeugen geistig-seelischer Prozesse. Körper, Geist und Seele sind eine Einheit. Es geht nicht um "Erleuchtung" oder "Heilung", diesen in vielen Alternativbereichen so inflationär gebrauchten Begriffen, sondern um den C.G. Jung zugeschriebenen Satz: "Patienten werden nicht geheilt, sie gehen einfach weiter". Das, was Dich früher aufgehalten und woran Du dir immer wieder die Zähne ausgebissen hast, ist plötzlich nicht mehr wichtig. In der Rückschau auf eine Therapie heißt es dann oft: "Ach ja, vor zwei Jahren hatte ich tatsächlich noch immense Probleme, andere Menschen kennenzulernen. Stimmt, das war ja mein Leben lang mein Hauptproblem. Das ich das so schnell vergessen habe..." Patienten werden nicht geheilt, sie ...

Jedes Kind macht alle erdenklichen Anstrengungen, um sich selbst zu schützen. Gleichzeitig kämpft es mit größter Intensität für die Ausgewogenheit der Kräfte im Beziehungssystem Familie. Aus Liebe und Angst nehmen Kinder unbewußt viele Opfer auf sich. Sie stellen das Gleichgewicht wieder her, indem sie sich z.B. auf die Seite des schwachen Elternteils stellen. Sie lernen dann, sich von ihrer starken Seite zu zeigen, oder sie zeigen sich solidarisch und werden auch schwach. Der Spagat zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen anderer Familienmitglieder kostet das Kind viel Kraft und bringt es in Krisen.

Verhaltensschwierigkeiten, Kontaktprobleme und Krankheiten können hier ihre Ursache haben. Man geht in der Körperpsychotherapie wie in der Familientherapie davon aus, daß die Erkrankung, vor allem die chronische Erkrankung eines Kindes, Ausdruck einer Störung im Energiefluß der gesamten Familie ist. Diese Störung drückt sich immer auch in einer Störung des Energieflusses im Körper aus.

In der Körperpsychotherapie wird dann in einem Prozeß wechselseitiger Bezogenheit von Seele, Geist und Körper das z.B. in schmerzenden, verspannten Schultern gestaute energetische Potential verändert. Dies kann durch verschiedenste Impulse geschehen: durch das Wort, Hinhören, Hinspüren, Hinatmen, Ausdrücken, Bewegen, Nachsinnen, Erinnern, Zulassen von Impulsen und Gefühlen, im Bewußtmachen, Integrieren, Neubewerten vor allem im Kontakt mit einem Du. Wenn die Botschaft in den verkrampften Rückenmuskeln als erlebtes Gefühl und Bedürfnis zum Leben erwacht und angenommen wird, kann der Muskel loslassen. Energie, die dort gebunden war, steht nun zur Verfügung für kreatives, gefühlvolles Leben. Das heißt nicht Friede-Freude-Eierkuchen. Dieses Leben hier auf dieser Erde ist kein Paradies und wird es aller Voraussicht nie sein. Es geht um bewußteres Leben, heraus aus dem unbewußten Sumpf, dem jammervollen Leid ohne Ende, an dem "natürlich" irgendwer oder irgendwas "schuld" ist, hinein ins bewußte Leid, wo ich meine Anteile bewußt spüre, begreife und verändern kann; aber auch heraus aus der unbewußten Euphorie des übermäßigen Genusses von Drogen wie Alkohol, Rauchen, Kaffee und den Kicks des Konsumrausches, des konventionellen oder des alternativen. Therapie selbst kann übrigens auch dazugehören.


Bernhard Maul
Hagenmattenstr. 9
79117 Freiburg
Tel.: 0761-6967865
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